Sternengeschichten   /     Sternengeschichten Folge 523: Fledermausmenschen auf dem Mond: Der gro√üe Moon-Hoax

Description

Auf dem Mond leben Fledermausmenschen und treiben komische Sachen in mysteri√∂sen Tempeln! Glaubt ihr nicht? Stand aber in der Zeitung! Mehr dazu erfahrt in der neuen Folge der Sternengeschichten. Wer den Podcast finanziell unterst√ľtzen m√∂chte, kann das hier tun: Mit PayPal (https://www.paypal.me/florianfreistetter), Patreon (https://www.patreon.com/sternengeschichten) oder Steady (https://steadyhq.com/sternengeschichten)

Subtitle
Fledermausmenschen oder Ente?
Duration
724
Publishing date
2022-12-02 06:00
Link
https://sternengeschichten.podigee.io/523-sternengeschichten-folge-523-fledermausmenschen-auf-dem-mond-der-grosse-moon-hoax
Contributors
  Florian Freistetter
author  
Enclosures
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Shownotes

Fledermausmenschen oder Ente?

Sternengeschichten Folge 523: Fledermausmenschen auf dem Mond: Der große Moon-Hoax

"Neueste Berichte vom Cap der guten Hoffnung √ľber Sir John Herschel‚Äôs h√∂chst merkw√ľrdige astronomische Entdeckungen, den Mond und seine Bewohner betreffend." Das war die √úberschrift einer Artikelserie die ab dem 26. August 1835 in der amerikanischen Zeitung "New York Sun" erschienen ist. Und der Titel war nicht √ľbertrieben: Die Entdeckungen von John Herschel waren allerdings h√∂chst merkw√ľrdig.

John Herschel war einer der bedeutendsten Astronomen seiner Zeit; Sohn des noch viel bedeutenderen Astronom Wilhelm Herschel, der den Planeten Uranus entdeckt hat. John Herschel war einer der Pioniere der fr√ľhen Fotografie, auf ihn geht sogar das Wort "Photographie" zur√ľck und zu seinen vielen astronomischen Arbeiten geh√∂rte auch ein Katalog von Himmelsk√∂rpern, den er w√§hrend seines 5j√§hrigen Aufenthalts am Kap der guten Hoffnung in S√ľdafrika angefertigt hatte. Dort war er zwischen 1833 und 1838 und mitten in diesem Zeitraum erschien der Artikel in der New York Sun.

Die Informationen auf denen dieser Text basiert stammen von Andrew Grant, der in der Einleitung so beschrieben wird: "Unsere zeitige und beinahe ausschlie√üliche Kenntni√ü all dieser Umst√§nde verdanken wir der intimen Freundschaft des Herrn Andrew Grant, Pflegesohnes des √§ltern und seit mehreren Jahren unzertrennlichen Geh√ľlfen des j√ľngern Herschel. Als Secret√§r des letztern auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung und unerm√ľdlicher Aufseher des gro√üen Teleskopes war er im Stande, uns wenigstens eben so wichtige und werthvolle Mittheilungen zu machen, als diejenigen sind, welche Dr. Herschel selbst der K√∂niglichen Astronomischen Societ√§t √ľbersandt hat. Auch versichert uns unser Berichterstatter, da√ü die volumin√∂sen Documente, welche jetzt einem Ausschusse jener Gesellschaft vorliegen, wenig mehr enthalten, als Einzelnheiten und mathematische Erl√§uterungen derjenigen Thatsachen, welche er in seiner eignen weitl√§uftigen Correspondenz uns mitgetheilt hat."

Oder, ein bisschen weniger umst√§ndlich ausgedr√ľckt: Grant ist ein enger Mitarbeiter von Herschel und darf deswegen dessen Forschungsergebnisse schon vorab in der Zeitung ver√∂ffentlichen; Ergebnisse, die in ein paar Wochen dann auch offiziell wissenschaftlich publiziert werden. Es folgt eine lange Abhandlung √ľber das Teleskop, mit dem Herschel gearbeitet hat. Schon Herschels Vater war ja als bester Teleskopbauer seiner Zeit bekannt; Wilhelm Herschel baute 1789 das gr√∂√üte Teleskop der Welt, mit einem 1,2 Meter gro√üen Spiegel und dank seiner hervorragenden optischen Instrumente war er auch in der Lage, als erster Mensch √ľberhaupt einen neuen Planeten, den Uranus, zu entdecken. Und Sohn John war, so der Bericht in der New York Sun, ebenfalls ein hervorragender Teleskopbauer. Grant erz√§hlt begeistert vom √ľber sieben Meter gro√üen Spiegel, der ein Gewicht von mehr als 7 Tonnen hat und Objekte um das 42.000fache vergr√∂√üern kann. Damit kann man Objekte auf dem Mond erkennen, die nur 45 Zentimeter gro√ü sind.

Und mit genau diesem Wunderwerk der Technik machten sich Grant und Herschel nun an die Beobachtung des Mondes, am 10. Januar, gegen halb 10 am Abends, wie im Zeitungsartikel vermerkt ist. Zuerst sehen sie nur ein Gebirge, aber dann wird es interessant. Denn ein paar Steinen, die wie umgest√ľrzte S√§ulen aussehen, sind "mit einer dunkelrothen, dem Papaver Rhoeas, oder der Klatschrose unserer sublunarischen Kornfelder, vollkommen √§hnlichen Blumengattung √ľber und √ľber bedeckt: dem ersten organischen Naturproducte einer andern Welt, welches dem menschlichen Auge enth√ľllt worden ist."

Klatschmohnfelder auf dem Mond? Langsam kann man wohl ein wenig skeptisch werden, was den Wahrheitsgehalt des Berichts angeht‚Ķ Aber schauen wir trotzdem mal weiter auf die spektakul√§ren Entdeckungen. Als n√§chstes sehen die beiden Forscher einen "Mondwald", "ein Geh√∂lz von so sch√∂nen, so unverkennbaren Tannen, wie ich sie nur je im Schoo√üe meiner heimathlichen Gebirge emporsprossen sah". In dieser ersten Nacht finden sie noch diverse andere Pflanzen, so richtig spannend wird es aber in den kommenden Beobachtungsn√§chten. Grant berichtet: "Im Schatten der B√§ume an der S√ľdostseite sahen wir zahlreiche Heerden brauner Vierf√ľ√üler, die dem Aeussern nach vollkommen den Bisonochsen glichen, aber etwas kleiner waren, als irgend eine Gattung (‚Ķ) unserer Naturgeschichte. Ihr Schwanz war dem unsers [Yak] ganz √§hnlich; aber hinsichtlich ihrer halbmondf√∂rmig gekr√ľmmten H√∂rner, des Buckels auf dem R√ľcken, der gr√∂√üe der Wampe, und der L√§nge ihres zottigen Haares, glichen sie vollkommen der Gattung, womit ich sie zuerst verglich; doch war die Bildung ihres Vorkopfes sehr unterscheidend (eine Bildung, die wir sp√§terhin bei allen Thieren, welche wir noch entdeckten, vorfanden): diese bestand n√§mlich in einem gro√üen fleischigen Wulst oberhalb der Augen, der sich quer √ľber die Stirn bis zu den Ohren erstreckte." Und die Mondbisons waren erst der Anfang. Als n√§chstes kommt quasi ein Einhorn: "Es war bl√§ulich bleifarben, von der Gr√∂√üe einer Ziege, mit Kopf und Bart wie diese, und einem einzigen, ein wenig nach vorn gekr√ľmmten Horne."

Die Entdeckung des Tierlebens auf dem Mond geht weiter, neun verschiedene S√§ugetiere und f√ľnf Vogelarten finden die beiden. Und dann, endlich die Sensation: fliegende Mondmenschen! "Sie waren ungef√§hr 4 Fu√ü hoch, waren, mit Ausnahme des Gesichts, mit kurzen, glatten, kupferfarbigen Haaren bedeckt, und hatten Fl√ľgel, welche aus einer d√ľnnen elastischen Haut ohne Haaren bestanden, die hinten zusammengerollt von der Schulterspitze bis zu den Waden lag. Das Gesicht, welches von gelblicher Fleischfarbe war, zeigte eine kleine Veredlung gegen das des gro√üen Orangutangs, da es offener und kl√ľger aussah und eine weit gr√∂√üere Ausdehnung des Vorkopfes zeigte. Inde√ü war der Mund sehr hervorstehend, obgleich dies etwas durch einen dicken Bart auf dem untern Kinnbacken und durch Lippen von weit menschlicherer Form als diejenigen irgend einer Species des Affengeschlechts verdeckt wurde. (‚Ķ) Wir benannten die Classe dieser Gesch√∂pfe mit dem wissenschaftlichen Namen ‚ÄěVespertilio-homo‚Äú oder ‚ÄěFledermausmensch,‚Äú und es sind ohne Zweifel unschuldige gl√ľckliche Creaturen, obgleich einige ihrer Vergn√ľgungen sich nur schlecht mit unsern irdischen Ansichten vom Decorum vertragen w√ľrden."

Grant und Herschel beobachten die Fledermausmenschen bei ihrem Treiben, ihren Unterhaltungen und ihrem Herumgefliege √ľber den Mond. Und finden dann sogar noch einen mysteri√∂sen Tempel! "Es war ein gleichf√∂rmig dreieckiger Tempel, aus polirtem Saphir oder sonst einem √§hnlichen, gl√§nzenden, blauen Steine erbaut, der Myriaden goldener Lichtfunken zeigte, welche in den Sonnenstrahlen schimmerten und funkelten." Das Dach bestand aus Metall, in Form von Flammen und durch "einige wenige Oeffnungen in diesen metallenen Flammen bemerkten wir eine gro√üe Kugel von einer dunkleren Gattung Metall, fast von einer tr√ľben Kupferfarbe, welche sie einschlossen und scheinbar um sie herumragten, wie um sie hieroglyphisch zu verzehren. " Alles sehr geheimnisvoll und ebenso mysteri√∂s endet auch der Text: "Was meinten die erfindungsreichen Erbauer unter dem Globus von Flammen umgeben? Gedachten sie dabei irgend eines fr√ľheren Mi√ügeschicks ihrer Welt, oder sagten sie damit irgend eine zuk√ľnftige f√ľr die unsrige voraus?"

Ja, was wissen die Fledermausmenschen auf dem Mond, was wir nicht wissen! Was h√§lt Herschel geheim? Denn Grant merkt im Bericht auch an, dass bestimmte Entdeckungen aus nicht n√§her genannten Gr√ľnden noch nicht √∂ffentlich gemacht werden d√ľrfen. Und dann ist da noch eine viel wichtigere Frage: Was soll der ganze Quatsch?!

Denn nat√ľrlich wissen wir heute, dass das alles Quatsch ist. John Herschel hat kein Superteleskop gehabt mit dem man Mondmenschen von der Erde beobachten kann. Das war mit der damaligen Technik unm√∂glich und selbst heute kriegen wir das nicht hin. Wenn wir solche Details auf der Mondoberfl√§che sehen wollen, m√ľssen wir hinfliegen, von der Erde aus geht das nicht. Und wir waren ja auch schon am Mond und k√∂nnen mit Sicherheit sagen, dass sich dort keine Bisons, Einh√∂rner oder Fledermausmenschen herumtreiben. Aus damaliger Sicht war die Sache aber l√§ngst nicht so klar. Was irgendein Astronom in S√ľdafrika trieb oder nicht, lie√ü sich Mitte des 19. Jahrhunderts nicht so schnell √ľberpr√ľfen wie heute. Und die Vorstellung, dass auf dem Mond und den anderen Himmelsk√∂rpern des Sonnensystems Leben und vielleicht sogar intelligente Lebwesen existieren, war ebenfalls nicht so absurd wie uns das heute vorkommt. Man hatte damals kaum M√∂glichkeiten, konkret zu messen oder zu beobachten, wie hei√ü oder kalt es zum Beispiel auf dem Mond oder dem Mars ist. Oder ob es dort eine Atmosph√§re gibt. Aus diversen ideologischen und religi√∂sen Gr√ľnden erschien es den Menschen auch absolut plausibel, dass auf JEDEM Himmelsk√∂rper Leben existiert; warum sonst sollte es so viele Planeten geben, wenn dort niemand lebt? Wilhelm Herschel selbst, der Vater von John, war der Meinung, dass sogar auf der Sonne Lebewesen wohnen, wie ich in Folge 333 der Sternengeschichten erz√§hlt habe. Im 18. und 19. Jahrhundert gab es diverse Astronomen die entsprechende Vermutungen zum Leben auf anderen Himmelsk√∂rpern ge√§u√üert hatten. Teilweise sehr konkret, so wie der Pfarrer und Hobby-Astronom Thomas Dick, der die Bev√∂lkerungsdichte Englands auf andere Himmelsk√∂rper √ľbertrug und so ausgerechnet hatte, dass 1) auf dem Mond circa 4,2 Milliarden Mondmenschen leben und das ganze Sonnensystem mehr als 22 Billionen Einwohner hat.

Die Menschen, die 1835 in der New York Sun √ľber die Beobachtungen eines durchaus bekannten Astronomen lasen, haben das also vermutlich nicht alle f√ľr komplett absurd gehalten. Andere Wissenschaftler, wie der Astronom und Mathematiker Carl Friedrich Gau√ü waren da schon deutlich skeptischer. Aber lange konnte sich die Geschichte trotzdem nicht halten. Fledermausmenschen auf dem Mond waren vermutlich doch ein bisschen zu viel; andere Journalisten recherchierten die Story nach und stellten fest, dass Herschel keine Ahnung von den Entdeckungen hatte, die er angeblich gemacht haben soll und auch keinen Mitarbeiter namens Andrew Grant hatte.

Tats√§chlich verfasst hat die Artikelserie der Reporter Richard Adams Locke, ein Mitarbeiter der New York Post, mit dem profanen Ziel, die Auflage der Zeitung zu steigern. Was ihm auch definitiv gelungen ist. Und was er sp√§ter auch bereitwillig zugegeben hat. Tja. Dass Zeitungen Sachen schreiben, die nicht so ganz richtig sind, um mehr Exemplare verkaufen zu k√∂nnen, soll ja auch heute noch ab und zu mal vorkommen. Fake News im Ausma√ü der Geschichte √ľber die Fledermausmenschen vom Mond sind aber heutzutage nicht mehr denkbar. Hoffentlich‚Ķ