Sternengeschichten   /     Sternengeschichten Folge 529: Das galaktische Antizentrum

Description

Im Zentrum ist jede Menge los. Aber es lohnt sich auch ein Blick in die Au├čenbezirke. Zumindest bei der Milchstra├če und deswegen geht es in der neuen Folge der Sternengeschichten um das galaktische Antizentrum. Wer den Podcast finanziell unterst├╝tzen m├Âchte, kann das hier tun: Mit PayPal (https://www.paypal.me/florianfreistetter), Patreon (https://www.patreon.com/sternengeschichten) oder Steady (https://steadyhq.com/sternengeschichten)

Subtitle
Raus aufs Land
Duration
674
Publishing date
2023-01-13 06:00
Link
https://sternengeschichten.podigee.io/529-sternengeschichten-folge-529-das-galaktische-antizentrum
Contributors
  Florian Freistetter
author  
Enclosures
https://audio.podigee-cdn.net/987313-m-926b9a6eb59247ec5a5945d1d5395bee.mp3?source=feed-scienceblogs
audio/mpeg

Shownotes

Raus aufs Land

Sternengeschichten Folge 529: Das galaktische Antizentrum

Im Zentrum unserer Galaxie ist jede Menge los. In einer Kugel mit circa 3 Lichtjahren Durchmesser rund um das Zentrum dr├Ąngen sich 10 Millionen Sterne - und dass das sehr viele Sterne sind, sieht man schnell, wenn man sich ├╝berlegt, dass zwischen unserer Sonne und dem ihr n├Ąchstgelegenen Stern ein Abstand von vier Lichtjahren ist. Inmitten dieses Sterngewusels im Zentrum der Milchstra├če sitzt ein gewaltiges schwarzes Loch das vier Millionen mal mehr Masse hat als unsere Sonne. Seine Schwerkraft schleudert die Sterne mit enormen Geschwindigkeiten herum; die Bewegung der Sterne im Zentrum ist generell eher chaotisch und die ganze Gegend nicht sonderlich lebensfreundlich. Wenn einer der Sterne als Supernova explodiert, dann werden seine vielen nahen Nachbarn dadurch ebenfalls beeinflusst und die gesamte kosmische Strahlung all dieser dicht an dicht stehenden Sterne w├Ąre f├╝r die Existenz von Leben ebenfalls nicht sehr zutr├Ąglich. Wir k├Ânnen froh sein, dass wir gut 25.000 Lichtjahre vom Zentrum entfernt sind, in den ├Ąu├čeren Bereichen der Milchstra├če geht es ein wenig beschaulicher zu. W├Ąre unsere Galaxie eine Stadt, dann w├╝rden wir in Vororten leben, quasi im Speckg├╝rtel der Milchstra├če.

Aus unserer Sicht ist es spannend, auf das Zentrum zu blicken; gerade weil dort so viel passiert. Genau so spannend kann es aber auch sein, in die entgegengesetzte Richtung zu blicken. Also, um im Bild zu bleiben, nicht hinein ins wuselnde Stadtzentrum sondern hinaus, aufs platte Land, dort wo wirklich gar nichts mehr los ist. Zumindest scheinbar, denn wenn es um die Milchstra├če geht, kann man aus der Beobachtung des galaktischen Antizentrums ├╝berraschend viel lernen.

Und dazu sollten wir vielleicht kl├Ąren, was mit einem "Antizentrum" ├╝berhaupt gemeint ist. Das Zentrum ist klar; dass ist die Mitte und bei einer im Wesentlichen scheibenf├Ârmigen Struktur wie unserer Milchstra├če ist das auch einigerma├čen leicht zu definieren. Da kann es nur ein Zentrum geben - aber was ist das Gegenteil der Mitte? Der Rand? Ja, und Nein. In der Astronomie wird als "galaktisches Antizentrum" einfach der Punkt bezeichnet, der von uns aus gesehen dem galaktischen Zentrum genau gegen├╝berliegt. Wir k├Ânnen daf├╝r wieder auf das praktische Bild der Himmelskugel zur├╝ckgreifen. Wir tun so, als w├Ąren wir in der Mitte des Universums und sehen alle Sterne und andere Himmelsk├Ârper wie auf einer gro├čen Kugelschale um uns herum. So schaut es ja auch tats├Ąchlich aus, wenn wir zum Himmel blicken und lange Zeit hat man auch geglaubt, dass die Welt exakt so organisiert ist und die Sterne wirklich nur Lichter sind, die auf irgendeiner fernen Kristallsph├Ąre montiert sind. Die Realit├Ąt ist nat├╝rlich eine andere, aber es ist in manchen F├Ąllen praktisch, so zu tun, als w├╝rde es die Himmelskugel tats├Ąchlich geben. Auf dieser fiktiven Sph├Ąre sehen wir das Zentrum der Milchstra├če auf jeden Fall dort, wo sich das Sternbild Sch├╝tze am Himmel befindet. Und wenn wir uns jetzt einmal um 180 Grad drehen, dann schauen wir auf die Sternbilder Fuhrmann und Stier. Genau an der Grenze zwischen ihnen findet wir den Stern Elnath, der zu den 50 hellsten Sternen des Himmels geh├Ârt und daher gut zu sehen ist. Wenn wir auf diesen Stern schauen, dann schauen wir fast genau auf das galaktische Antizentrum.

Sch├Ân und gut - aber warum sollte uns das interessieren? Dort sitzt kein schwarzes Loch um das sich alles dreht; dort sausen keine Sterne wild herum. Dort ist, wie es sich f├╝r ein Antizentrum geh├Ârt - nicht viel los. Aber genau das ist auch der Grund, warum diese Gegend f├╝r die Forschung interessant ist. Wir k├Ânnen ein weiteres Mal den Vergleich zwischen Stadt und Land verwenden. In der Stadt und vor allem im Stadtzentrum passiert jede Menge. Da geschehen neue Dinge; es er├Âffnen neue Gesch├Ąfte; es schlie├čen Gesch├Ąfte, die neuen Filme und Theaterst├╝cke werden dort als erstes aufgef├╝hrt, und so weiter. Es ist alles sehr lebendig und die Dinge ├Ąndern sich schnell. Drau├čen am Land l├Ąuft alles ein wenig langsamer ab. Es gibt weniger Ver├Ąnderung und manchmal kommt es einem so vor, als w├Ąre die Zeit dort stehen geblieben. Das ist, wenn es um den Vergleich von Stadt und Land geht, nat├╝rlich ein wenig ├╝bertrieben. Aber auch nicht v├Âllig falsch und beim galaktischen Antizentrum definitiv korrekt.

Die Sterne, die sich dort drau├čen, am Rand der Milchstra├če befinden, bewegen sich viel langsamer als die, die weiter drinnen ihre Runden ziehen. Die Abst├Ąnde zwischen den Sternen sind viel, viel gr├Â├čer und damit auch die gravitativen St├Ârungen, die sie aufeinander aus├╝ben. Das bedeutet, dass wir dort auch die Vergangenheit der Milchstra├če besonders gut erforschen k├Ânnen. Unsere Galaxis war ja nicht immer genau so, wie wir sie heute sehen. Es w├╝rde zu weit f├╝hren, jetzt die gesamte Geschichte einer Galaxie zu erz├Ąhlen. Die Milchstra├če ist alt, fast so alt wie das Universum selbst. Aber bei ihrer Entstehung war sie - so wie alle anderen Galaxien - noch nicht so gro├č wie heute sondern eine vergleichsweise kleine Gruppe von Sternen. Sie ist durch die Verschmelzung mit anderen kleinen Galaxien gewachsen und dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Wie ich in Folge 418 erz├Ąhlt habe, wird sie in ein paar Milliarden Jahren mit der Andromedagalaxie verschmelzen und eine noch gr├Â├čere Galaxie werden. Es ist schwer, heute noch Spuren dieser vergangenen Wachstumsschritte zu finden. Die Sterne haben sich im Laufe der Zeit miteinander vermischt und wenn wir ins hektische Zentrum der Milchstra├če schauen, finden wir gar keine Spuren mehr von dem, was fr├╝her vielleicht war.

In den Au├čenbereichen l├Ąuft es aber - wie gesagt - ein wenig langsamer ab. Unterschiede zwischen verschiedenen Sternengruppen k├Ânnen dort unter Umst├Ąnden immer noch beobachtet werden; es war noch zu wenig Zeit, als dass sich auch dort alles vermischt hat. St├Ârungen wirken sich nur langsam aus und die aus der Verschmelzung zweier Galaxien entstandenen Besonderheiten bleiben l├Ąnger bestehen. Beim Blick nach au├čen k├Ânnen wir auch nicht nur die Au├čenbereiche der galaktischen Scheibe beobachten sondern gleichzeitig auch den Halo, also die gro├če kugelf├Ârmige Region um die Scheibe der Milchstra├če herum. Dort befinden sich jede Menge alte Kugelsternhaufen, Gaswolken und alte Einzelsterne und auch die Sternstr├Âme, von denen ich in Folge 177 erz├Ąhlt habe und die die letzten ├ťberreste von fremden Galaxien sind, die die Milchstra├če fr├╝her mal verschluckt hat.

Dazu kommt: Der Blick ins Zentrum der Milchstra├če ist uns fast komplett durch Staubwolken verstellt und wir brauchen Radio- und Infrarotteleskope, um dort etwas zu sehen. In Richtung Antizentrum ist naturgem├Ą├č weniger los und wir k├Ânnen sehr viel besser und genauer beobachten, was dort passiert. Zum Beispiel mit dem GAIA-Weltraumteleskop, dass bei seiner exakte Vermessung von knapp 2 Milliarden Sternen der Milchstra├če nat├╝rlich auch das galaktische Antizentrum untersucht hat. Wir wissen jetzt, wie schnell und in welche Richtung sich die Sterne dort bewegen und die Daten sind ├Ąu├čerst interessant. Ich spare mir die mathematisch-wissenschaftlichen Details dieser Analyse - aber ein Ergebnis besteht zum Beispiel in der Erkenntnis, dass die Scheibe der alten, quasi urspr├╝nglichen Scheibe der Milchstra├če sehr viel kleiner ist als die heutige. Die Sterne, die aus der Verschmelzung der Milchstra├če mit der Gaia-Enceladus-Galaxie vor gut 9 Milliarden Jahren stammen, reichen weit ├╝ber diese urspr├╝ngliche Scheibe hinaus (davon habe ich im Detail in Folge 480 gesprochen). Man hat auch entdeckt, dass die Scheibe der heutigen Milchstra├če in den Au├čenbereichen ein wenig verbogen ist und hat auch diverse andere Hinweise auf gravitative St├Ârungen und Einfl├╝sse entdeckt. Worin sie genau bestehen, ist noch nicht eindeutig bekannt.

Aber auch hier wird die weitere Erforschung des Antizentrums neue Erkenntnisse bringen. Es ist wirklich ein ganz besonderer Ort. Wenn es um das Verst├Ąndnis von Galaxien an sich geht, haben wir ja enorm viel aus der Beobachtung anderer Galaxien gelernt. Lange bevor wir wussten, welche Form unsere eigene Milchstra├če hat, haben wir die vielen unterschiedlichen M├Âglichkeiten bei anderen, weit entfernten Sternensystemen gesehen. Wir sitzen ja mitten in der Galaxis und so wie man mitten im Wald vor lauter B├Ąumen kaum etwas ├╝ber die Form des Waldes sagen kann, ist es schwer, die Milchstra├če von innen heraus zu verstehen. Aber wenn es um die Au├čenbereiche einer Galaxie geht, hilft uns die Beobachtung ferner Objekte nicht viel. Denn dort befinden sich nunmal wenig Sterne und es ist schon schwer genug, weit entfernte Galaxien zu beobachten, weil von da nur so wenig Licht zu uns kommt. Die noch viel lichtschw├Ącheren Au├čenbereiche dieser Galaxien sind im Detail so gut wie gar nicht zu untersuchen. Bei unserer Milchstra├če klappt das aber recht gut; wir sitzen ja quasi auf halben Weg zwischen Zentrum und Rand. Und wenn wir den Blick vom Trubel in der Mitte abwenden und auch ab und zu mal in die scheinbar langweiligen Regionen drau├čen am galaktischen "Land" werfen, k├Ânnen wir dort Dinge lernen, die wir nirgendwo anders herausfinden k├Ânnen.