Sternengeschichten   /     Sternengeschichten Folge 531: Wer ist zustĂ€ndig wenn die Aliens kommen?

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Wer schĂŒttelt den Aliens die Hand, wenn sie kommen (und HĂ€nde haben)? Der amerikanische PrĂ€sident? Nur in Hollywoodfilmen - und wie es in echt geregelt ist, erfahrt ihr in der neuen Folge der Sternengeschichten: https://astrodicticum-simplex.at/?p=36304 Wer den Podcast finanziell unterstĂŒtzen möchte, kann das hier tun: Mit PayPal (https://www.paypal.me/florianfreistetter), Patreon (https://www.patreon.com/sternengeschichten) oder Steady (https://steadyhq.com/sternengeschichten)

Subtitle
Bringt uns zu eurem AnfĂŒhrer!
Duration
709
Publishing date
2023-01-27 06:00
Link
https://sternengeschichten.podigee.io/531-sternengeschichten-folge-531-wer-ist-zustandig-wenn-die-aliens-kommen
Contributors
  Florian Freistetter
author  
Enclosures
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Shownotes

Bringt uns zu eurem AnfĂŒhrer!

Sternengeschichten Folge 531: Wer ist zustÀndig wenn die Aliens kommen?

In den Science-Fiction-Filmen ist die Sache immer recht klar: Wenn dort jemand außerirdisches Leben entdeckt, dann landet die Sache sehr schnell auf dem Schreibtisch des amerikanischen PrĂ€sidenten. Und dort wird zusammen mit MilitĂ€r und Geheimdiensten beschlossen, wie man weiter vorgehen muss und ob die Bevölkerung informiert werden soll. Nur ist das eben Science Fiction. Wie sieht es in der RealitĂ€t aus?

Dort ist die Sache, wenig ĂŒberraschend, nicht ganz so eindeutig. Das fĂ€ngt schon mal damit an, dass Wissenschaft im Allgemeinen nicht im Geheimen stattfindet. Vor allem nicht die Astronomie. Sternwarten stehen ĂŒberall auf der ganzen Welt und die Menschen die dort forschen und arbeiten sind nicht alle beim Geheimdienst angestellt. Sondern ganz normale Menschen. Und dann sind da noch all die vielen Leute, die den Himmel Nacht fĂŒr Nacht als Hobby beobachten. Mit der Geheimhaltung wird es da also schwer. Gut, wenn jetzt irgendwelche gigantischen Alien-Raumschiffe am helllichten Tag mitten in einer Stadt landen, dann ist die Sache sowieso klar. Aber lassen wir diesen doch eher unrealistischen Fall mal beiseite und schauen wir uns an, was in der Praxis passieren wĂŒrde, wenn irgendwo jemand Anzeichen fĂŒr die Existenz eines außerirdischen Raumschiffs entdecken wĂŒrde, dass durchs Sonnensystem fliegt.

Zuerst einmal kann man davon ausgehen, dass da nicht ein Astronom oder eine Astronomin steht und tatsĂ€chlich mit eigenen Augen durch ein Teleskop schaut und dort plötzlich ein Ding wie das Raumschiff Enterprise sieht. Vor allem, weil man in der Astronomie so gut wie gar nicht mit eigenen Augen durch Teleskope schaut. Das machen Kameras und man untersucht die Bilder die sie machen, spĂ€ter auf einem Computer. Vermutlich wĂŒrde man also zuerst etwas sehen, das wie die typische Entdeckung eines Asteroiden oder Kometen aussieht. Also einen Lichtpunkt an einer Position, wo kein Stern ist und wo zuvor auch kein Lichtpunkt war. Solche Entdeckungen sind mittlerweile Standard und passieren fast in jeder Nacht. Man muss dann natĂŒrlich auch mehr Aufnahmen machen, am besten ĂŒber mehrere NĂ€chte hinweg. Und wĂŒrde dann sehen, dass sich der Punkt bewegt; was aber noch immer nichts mit Raumschiffen zu tun hat. Denn Asteroiden bewegen sich ja auch. Erst eine lĂ€ngere und genauere Analyse wĂŒrde dann eventuell zeigen, dass sich der Punkt nicht so bewegt wie ein natĂŒrlicher Himmelskörper. Also nicht nur allein durch den Einfluss der Gravitation der Sonne, sondern unter seiner eigenen Kraft, mit einem Antrieb.

Und sobald das geklĂ€rt ist, greift man zum Telefon und wĂ€hlt die Nummer des PrĂ€sidenten? NatĂŒrlich nicht. Abgesehen davon, dass die wenigstens Astronominnen und Astronomen die Nummer des PrĂ€sidenten haben, egal obs der amerikanische ist oder das Oberhaupt irgend eines anderen Landes: So schnell lĂ€uft das mit Entdeckungen nicht. Man muss zuerst mal ausschließen, irgendeinen Fehler gemacht zu haben. Deswegen wird man erst mal die Kolleginnen und Kollegen anderer Sternwarten bitten, die Beobachtung zu ĂŒberprĂŒfen. Was man vermutlich sowieso schon frĂŒher gemacht hat, als man noch dachte es mit einem Asteroid zu tun zu haben. Denn man hat ja nicht immer gutes Wetter um beobachten zu können. Andere wollen das Teleskop fĂŒr ihre eigenen Zwecke benutzen. Und so weiter: Genau aus diesem Grund arbeiten die Forscherinnen und Forscher zusammen um ein einmal entdecktes Objekt nicht wieder zu verlieren. Außerdem hat man die Entdeckung sowieso schon an die entsprechenden Stellen gemeldet, man möchte ja klar machen, wer den Asteroid zuerst gefunden hat. Und die entsprechende Stelle ist in diesem Fall das "Minor Planet Center" der Internationalen Astronomischen Union. Also keine Regierungsbehörde, sondern eine wissenschaftliche Organisation.

Halten wir also fest: Lange bevor klar ist, dass da ein Raumschiff durch die Gegend fliegt, wissen schon jede Menge Forscherinnen und Forscher auf der ganzen Welt darĂŒber Bescheid, dass da ein potenziell interessanter Himmelskörper aufgetaucht ist. Und da die ganzen Daten öffentlich zugĂ€nglich sind, kann das im Prinzip auch der Rest der Welt wissen. Und innerhalb der Forschungsgemeinschaft wird diskutiert werden, ob man die komische Bewegung des "Asteroids" irgendwie anders erklĂ€ren kann oder ob man es wirklich mit Aliens zu tun hat. Und, so wie in der Wissenschaft ĂŒblich, wird diese Diskussion eher auch nicht geheim stattfinden. Die Leute werden Fachartikel schreiben, sie veröffentlichen, und so weiter.

Aber tun wir mal so, als hĂ€tte man wirklich einwandfrei ein außerirdisches Raumschiff identifiziert. Und bis auf eine Handvoll Kolleginnen und Kollegen weiß niemand davon. Sollte man jetzt das Staatsoberhaupt kontaktieren? Die Polizei anrufen? Kann man alles machen. Kann man auch nicht machen. Man kann auch irgendwen anderen anrufen oder niemanden. Denn es gibt keinen offiziellen Plan, an den man sich in so einem Fall halten mĂŒsste. Es gibt keine Gesetze, die diesen Fall abdecken. Zumindest nicht so detailliert, wie man es sich wĂŒnschen wĂŒrde. Die in den Vereinten Nationen organisierten LĂ€nder haben schon ein paar völkerrechtliche Gesetze ĂŒber den Weltraum geschlossen, die aber alle weitestgehend mit Menschen zu tun haben. Da wird zum Beispiel geregelt, wie der Weltraum und andere Himmelskörper erforscht werden (und das zum Beispiel kein Land Anspruch auf den Mond erheben kann). Oder wie man sich bei NotfĂ€llen im All gegenseitig zu helfen hat; wer verantwortlich ist, wenn Weltraumschrott auf die Erde fĂ€llt, und so weiter. Aber da steht nirgendwo drin, was zu passieren hat, wenn die Aliens kommen.

Was nicht heißt, dass sich darĂŒber niemand Gedanken gemacht hat. Insbesondere die Forscherinnen und Forscher, die im Bereich von SETI arbeiten haben das sehr ausfĂŒhrlich getan. "SETI" steht fĂŒr "Search for Extraterrestrial Intelligence" und beschĂ€ftigt sich mit der Suche nach Spuren intelligenter außerirdischer Wesen; vor allem die Suche nach Signalen, die irgendwelche Alien-Zivilisationen vielleicht ins All geschickt haben. Da stellt sich ja die gleiche Frage: Wenn man irgendwann mal zweifelsfrei eine Botschaft aus dem All empfangen hat, die von Aliens abgeschickt worden ist, was macht man dann? Wer wird informiert und wann? Wer antwortet auf die Botschaft und wie? Im Laufe der Zeit sind da jede Menge VorschlĂ€ge gemacht worden. Zum Beispiel, dass man am besten schon vorher eine entspreche Antwort verfasst, weil vermutlich alles ziemlich konfus und hektisch wird, wenn man die Botschaft erst mal empfangen hat. Was prinzipiell sinnvoll klingt, aber in der Praxis auch eher komisch ist. Denn so eine vorbereitete Antwort kann notwendigerweise nicht auf das eingehen, was in der Alien-Botschaft drin steht. Und wer weiß, was die sich denken, wenn sie bei uns anrufen und dann quasi nur der Anrufbeantworter dran geht


Man sollte sich vor einer Antwort schon damit beschĂ€ftigen, was in der Botschaft steht. Das muss man natĂŒrlich erst mal rauskriegen und das wird unter UmstĂ€nden nicht so einfach sein und kann lĂ€nger dauern. Es braucht, so lauten viele VorschlĂ€ge, eine Art Komitee, eine offizielle Behörde oder irgendwas in der Art, die vor allem aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern besteht und sich mit der Antwort beschĂ€ftigt. Und die kann und soll man dann am besten wirklich schon grĂŒnden, bevor es soweit ist. Bei der Kommunikation mit der Öffentlichkeit könnte man sich - auch das ein Vorschlag - an der Kommunikation von NuklearunfĂ€llen orientieren. Wenn man sich allerdings ansieht, wie das in der Vergangenheit in der RealitĂ€t abgelaufen ist, ist das eventuell auch keine so gute Idee.

NatĂŒrlich besteht immer die Gefahr, dass ein einziges Land die Information fĂŒr sich behalten will. Da Wissenschaft aber eigentlich fast nur noch international funktioniert, wird das schwierig. Aber sicherheitshalber sollte so ein Komitee oder so eine Behörde natĂŒrlich ĂŒbernational organisiert sein. Und, auch das wurde in einem wissenschaftlichen Artikel so ausgefĂŒhrt, wenn einmal die Aliens da sind, ist das mit den Streitigkeiten der LĂ€nder vermutlich eh bald vorbei. WeltmĂ€chte wie die USA oder Russland wĂ€ren dann angesichts der Aliens nur mehr so wichtig wie es heute Andorra, Monaco oder San Marino sind.

Das offizielleste was es an PlĂ€nen fĂŒr den Erstkontakt gibt, sind auf jeden Fall die Richtlinien, die die SETI-Forschung 1990 veröffentlicht und 2010 aktualisiert hat. Da drin steht, dass man zuerst natĂŒrlich einmal so gut wie nur irgendwie möglich sicher stellen muss, dass man es wirklich mit einer Alien-Botschaft zu tun hat. Und dann soll alles was man darĂŒber weiß komplett der Öffentlichkeit, der restlichen wissenschaftlichen Gemeinschaft und der UNO bekannt gegeben werden. Genauer gesagt: Der UN-GeneralsekretĂ€rin bzw. dem UN-GeneralsekretĂ€r. Was ĂŒbrigens auch der einzige Punkt ist, der tatsĂ€chlich so in einem völkerrechtlichen Vertrag steht. Seit dem 10. Oktober 1967 gibt es den Weltraumvertrag, bzw. den Vertrag ĂŒber die GrundsĂ€tze zur Regelung der TĂ€tigkeiten von Staaten bei der Erforschung und Nutzung des Weltraums einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper wie es offiziell heißt. Dort kann man in Artikel XI lesen "Um die internationale Zusammenarbeit bei der friedlichen Erforschung und Nutzung des Weltraums zu fördern, unterrichten die Vertragsstaaten, die im Weltraum einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper tĂ€tig sind, den GeneralsekretĂ€r der Vereinten Nationen sowie die Öffentlichkeit und die wissenschaftliche Welt in grĂ¶ĂŸtmöglichem Umfang, soweit irgend tunlich, von der Art, der DurchfĂŒhrung, den Orten und den Ergebnissen dieser TĂ€tigkeiten. Der GeneralsekretĂ€r der Vereinten Nationen ist gehalten, diese Informationen unmittelbar nach ihrem Eingang wirksam weiterzuverbreiten"

Ok, das ist sehr allgemein und von Aliens steht da nichts. Aber immerhin werden die Vereinten Nationen als offizielle Ansprechpartner fĂŒr Forschungsergebnisse im All genannt. Ob man dann aber wirklich bei der UNO anruft, wenn man Aliens entdeckt hat, bleibt offen. Deutschland zumindest hat keinen offiziellen Plan, und das ist offiziell. Am 7. August 2018 gab Ulrich Nußbaum, damals StaatssekretĂ€r im Bundesministerium fĂŒr Wirtschaft und Energie die Antwort auf eine Frage des Bundestagsabgeordneten Dieter Janecek von den GrĂŒnen. Die Frage lautete: "Welche Vorkehrungen, Protokolle oder PlĂ€ne fĂŒr einen möglichen Erstkontakt mit außerirdischem Leben gibt es auf Seiten der Bundesregierung und der ihr unterstellten Behörden, und in welchen konkreten FĂ€llen war die Möglichkeit eines solchen Kontaktes Gegenstand eines bi- oder multilateralen GesprĂ€chs mit anderen Staaten?". Die Antwort: "FĂŒr einen möglichen Erstkontakt mit außerirdischem Leben gibt es keine Protokolle oder PlĂ€ne, da die Bundesregierung einen Erstkontakt auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland nach heutigem wissenschaftlichem Kenntnisstand fĂŒr Ă€ußerst unwahrscheinlich hĂ€lt"

In Österreich ist die rechtliche Lage ĂŒbrigens ein wenig anders. Denn im Gegensatz zu Deutschland gehört Österreich zu den wenigen LĂ€ndern, die den sogenannten "Mondvertrag" der Vereinten Nationen ratifiziert haben. Offiziell heißt es "Übereinkommen zur Regelung der TĂ€tigkeiten von Staaten auf dem Mond und anderen Himmelskörpern" und war als Erweiterung des Weltraumvertrags von 1967 gedacht. Das haben aber nur 18 Staaten ratifiziert, unter anderem eben Österreich. In Artikel 5, Absatz 3 dieses Vertrags kann man aber lesen: "Bei der AusĂŒbung ihrer AktivitĂ€ten sollen die Staaten unverzĂŒglich den UN-GeneralsekretĂ€r, sowie die Öffentlichkeit und die internationale wissenschaftliche Gemeinschaft von allen PhĂ€nomenen informieren, die sie im Weltraum, inklusive dem Mond, entdecken und die eine Gefahr fĂŒr das Leben und die Gesundheit der Menschheit oder irgendwelche Anzeichen von organischem Leben darstellen".

Sollte also in Zukunft eine österreichische Weltraummission auf dem Mond oder irgendwo sonst im All auf die Spuren von Aliens treffen, dann wird die UNO einen Anruf aus Wien bekommen mĂŒssen.