Sternengeschichten   /     Sternengeschichten Folge 566: Ist das Universum eine Simulation?

Description

Ist Universum nur eine Computersimulation und wir nur die Programme die darin leben? Ob diese "Simulationshypothese" mehr ist als nur eine Gedankenspielerei, erfahrt ihr in der neuen Folge der Sternengeschichten: https://astrodicticum-simplex.at/?p=36665 Wer den Podcast finanziell unterst√ľtzen m√∂chte, kann das hier tun: Mit PayPal (https://www.paypal.me/florianfreistetter), Patreon (https://www.patreon.com/sternengeschichten) oder Steady (https://steadyhq.com/sternengeschichten)

Subtitle
Stecken wir in der Matrix?
Duration
612
Publishing date
2023-09-29 05:00
Link
https://sternengeschichten.podigee.io/566-sternengeschichten-folge-566-ist-das-universum-eine-simulation
Contributors
  Florian Freistetter
author  
Enclosures
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Shownotes

Stecken wir in der Matrix?

Sternengeschichten Folge 566: Ist das Universum eine Simulation?

‚ÄěEinst tr√§umte Dschuang Dschou, dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und gl√ľcklich f√ľhlte und nichts wu√üte von Dschuang Dschou. Pl√∂tzlich wachte er auf: da war er wieder wirklich und wahrhaftig Dschuang Dschou. Nun wei√ü ich nicht, ob Dschuang Dschou getr√§umt hat, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling getr√§umt hat, dass er Dschuang Dschou sei, obwohl doch zwischen Dschuang Dschou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist."

Das hat vor gut 2300 Jahren der chinesische Philosoph und Dichter ZhuńĀngz«ź geschrieben. Er war sicherlich nicht der erste Mensch, der sich dar√ľber Gedanken gemacht hat, was die eigentliche Natur der Realit√§t ist; diese Frage hat man sich in der Philosophie, der Kunst, der Literatur, der Religion, und so weiter immer wieder gestellt und tut das bis heute. Mittlerweile ist allerdings auch die Naturwissenschaft dazu gekommen und stellt die Frage, ob unser gesamtes Universum vielleicht eine Simulation ist.

Sp√§testens seit dem Kinofilm "Matrix" aus dem Jahr 1999 k√∂nnen so gut wie alle etwas mit dieser doch etwas seltsamen Idee anfangen. Im Film geht es ja darum, dass die Maschinen die Welt beherrschen und die Menschen in gro√üen Lagern gefangen gehalten werden, ohne Bewusstsein. Ihnen wird allerdings eine k√ľnstliche Realit√§t vorgespielt; sie leben ein Leben, dass ihnen v√∂llig normal erscheint, obwohl es nur eine riesige Simulation ist.

Dass die Science Fiction so etwas aufgreift, ist nicht √ľberraschend (und "Matrix" war auch nicht das erste Werk, in dem es um dieses Thema ging). Wenn aber die seri√∂se Wissenschaft auch dar√ľber nachdenkt, ob alles was wir als "real" wahrnehmen vielleicht nur eine Simulation ist, dann sieht das schon ein wenig anders aus.

Schauen wir also mal, was das alles soll mit der Simulation des Universums. Die Grundidee geht ungef√§hr so: Unsere Computertechnik macht immer gr√∂√üere Fortschritte. Wenn wir unsere heutige Technik mit dem vergleichen, was vor ein paar Jahrzehnten m√∂glich war, dann ist der Unterschied enorm. Und wer wei√ü, wie es in ein paar Jahrhunderten oder Jahrtausenden sein wird? Vielleicht sind wir dann in der Lage, eine so exakte Simulation der Welt in einem Computer zu erstellen, dass sie nicht von der Realit√§t zu unterscheiden ist? Vielleicht k√∂nnen wir ja auch ein menschliches Bewusstsein so exakt simulieren, dass es nicht von einem echten Bewusstsein zu unterscheiden ist. Auch die Entwicklung k√ľnstlicher Intelligenz macht ja immer gr√∂√üere Fortschritte. Vielleicht sind wir also irgendwann in der Lage, Millionen, Milliarden oder noch viel mehr simulierte Menschen in einer simulierten Welt zu erschaffen, die dort ihr simuliertes Leben leben ohne zu merken, dass es nur eine Simulation ist.

Und wenn das alles so sein könnte: Was spricht dann dagegen, dass das nicht alles längst schon passiert ist und WIR die simulierten Menschen in der simulierten Welt sind? Die moderne Version dieser "Simulationshypothese" stammt vom schwedischen Philosophen Nick Bostrom, der 2003 den Artikel "Are you living in a computer simulation?" veröffentlicht hat. Er geht darin von drei Annahmen aus, und behauptet, dass sie alle mehr oder weniger gleich wahrscheinlich beziehungsweise unwahrscheinlich sind, und mindestens eine davon wahr sein muss. Diese drei Annahmen lauten so:

1) Wir Menschen schaffen es nicht, uns so weit zu entwickeln, um die n√∂tige Technik zu erreichen, eine entsprechende Simulation durchzuf√ľhren. 2) Wenn es Zivilisationen gibt, die technisch in der Lage sind, solche Simulationen durchzuf√ľhren, dann hat so gut wie keine davon auch ein Interesse daran, die Simulation auch praktisch durchzuf√ľhren.

Und 3) Wir leben in einer Computersimulation.

Man kann noch nachvollziehen, dass zumindest eine der M√∂glichkeiten zutreffen muss. Entweder wir leben in einer Simulation, das ist Variante 3. Oder es gibt niemanden, der in der Lage ist oder Lust dazu hat, eine Simulation durchzuf√ľhren. Das sind Varianten 1 und 2.

Wir k√∂nnen aber nicht entscheiden, welche der drei M√∂glichkeiten zutrifft. Bostrom meint, wir k√∂nnten hoffen, dass Variante 3 richtig ist, denn das w√ľrde es unwahrscheinlicher machen, dass Variante 1 zutrifft, dass wir uns also irgendwann in Zukunft selbst ausl√∂schen, bevor wir in der Lage sind, eine technisch hochstehende Zivilisation zu errichten.

Das klingt jetzt alles noch nicht sonderlich naturwissenschaftlich. Man kann aber zumindest mal √ľberlegen, wie wahrscheinlich Varianten 1 und 2 sind. Gibt es etwas, dass rein prinzipiell dagegen spricht, dass wir die technischen Fertigkeiten entwickeln, eine Computersimulation zu entwickeln, die ein Universum simulieren kann? Die Anh√§nger der Simulationshypothese sagen "Nein". Denn, so das Argument, wenn wir uns anschauen, wie sich die Rechenleistung der Computer im Laufe der Zeit entwickelt hat, sehen wir ein stetiges Wachstum. Und es spricht nichts dagegen, dass das auch in Zukunft so weiter geht. Das mag sein, aber es gibt tats√§chlich keinen Beleg daf√ľr, dass es WIRKLICH immer so weiter geht. Vor allem, und das ist der wichtigste Punkt, wissen wir nicht, wie wir ein echtes "k√ľnstliches" Bewusstsein schaffen k√∂nnen. Wir k√∂nnen das jetzt jedenfalls definitiv nicht. Gut, vielleicht kriegt es jemand in der Zukunft hin. Vielleicht aber auch nicht. Wir wissen derzeit noch nicht einmal, wie ein Bewusstsein im Gehirn √ľberhaupt entsteht. Und deswegen k√∂nnen wir auch nicht wissen, ob das ein Vorgang ist, der sich maschinell reproduzieren l√§sst. Oder, wenn sich so etwas irgendwie machen l√§sst, ob das was, das dabei entsteht, mit dem vergleichbar ist, was wir "Bewusstsein" nennen. Und weil wir das nicht wissen, k√∂nnen wir auch nicht sagen, ob die Simulationshypothese √ľberhaupt funktioniert.

Das muss man vielleicht noch einmal wiederholen, weil wir dazu neigen, es zu vergessen, angesichts all der Entwicklungen in der Computertechnik, bei der k√ľnstlichen Intelligenz, und so weiter. Wir wissen nicht, wie das Bewusstsein funktioniert. Wir k√∂nnen zwar daran glauben, dass zuk√ľnftige Technik in der Lage ist, ein Bewusstsein zu simulieren. Aber wir k√∂nnen es nicht wissen. Das liegt nicht nur daran, dass uns das notwendige medizinische Wissen √ľber das Gehirn und so weiter fehlt. Wir wissen zum Beispiel auch noch zu wenig √ľber die Grundlagen der Quantenmechanik, den fundamentalen Aufbau der Materie; wir wissen nicht, ob die Elementarteilchen in Wahrheit aus irgendwas anderem bestehen, den Strings der Stringtheorie, und so weiter. Das m√ľssen wir aber wissen, weil all das eine Rolle spielt, wenn wir auch das Bewusstsein fundamental verstehen wollen und auch, wenn wir Computer bauen wollen, die ausreichend viel Rechenleistung haben f√ľr so eine Simulation. Mit konventionellen Ger√§ten ist das mit Sicherheit nicht m√∂glich; wenn, dann braucht man irgendeine Weiterentwicklung von Quantencomputern, die auf v√∂llig anderen Prinzipien beruhen.

Aber lassen wir all das mal beiseite. Und behaupten einfach "Wir leben in einer Simulation". Was h√§tte das f√ľr Konsequenzen? K√∂nnen wir das zum Beispiel irgendwie feststellen? Auch das ist knifflig. Wenn wir simuliert sind, dann kann man uns ja auch so simulieren, dass wir nicht in der Lage sind, die Simulation zu erkennen. Aber trotzdem hat sich die Wissenschaft auch damit besch√§ftigt. Die Details w√ľrden jetzt zu weit f√ľhren, aber es gibt bestimmte quantenmechanische Experimente, die zumindest theoretisch in der Lage w√§re, eine Simulation zu erkennen. Sie beruhen auf einem Effekt, den man auch von den Computerspielen kennt, die wir jetzt benutzen: Da wird nie die komplette Welt simuliert, sondern nur der Teil, der gerade relevant ist und unter Beobachtung steht. Und weil es in der Quantenmechanik ja durchaus darauf ankommt, ob ein Vorgang beobachtet wird oder nicht, kann man daraus entsprechende Experimente konstruieren, die uns sagen k√∂nnten ob wir in einer Simulation leben oder nicht. Aber solche Experimente sind in der Praxis kaum umzusetzen und am Ende stehen wir wieder vor dem Problem, dass wir 1) nicht wissen, ob wir die Quantenmechanik gut genug verstehen, um solche Aussagen machen zu k√∂nnen und wir 2) nicht wissen, ob die Simulation nicht ganz anders l√§uft als wir uns jetzt vorstellen, wie so eine Simulation laufen k√∂nnte.

Und 3) ist es vielleicht keine gute Idee, die Existenz der Simulation nachzuweisen. Denn wer wei√ü, ob es denen, die die Simulation laufen lassen, gef√§llt, dass wir das tun. Vielleicht drehen sie den Computer auch einfach ab, wenn wir drauf kommen, dass es die Simulation gibt? Die hypothetischen Simulierer k√∂nnten aber √ľbrigens in einer √§hnlichen Situation sein. Denn WENN wir nur simuliert sind, w√§re es seltsam, wenn wir die einzigen w√§ren. Wir denken ja auch dar√ľber nach, wie wir eine Welt simulieren k√∂nnen. Und wenn wir es k√∂nnen, dann tun wir es vermutlich auch. Und wenn es solche Simulationen tats√§chlich gibt, dann spricht zumindest theoretisch nichts dagegen, dass eine simulierte Welt selbst wieder eine Welt simuliert. Und so weiter. Wenn es m√∂glich ist, ein Universum zu simulieren, dann sind vermutlich die √ľberwiegende Mehrheit der existierenden Bewusstseine simuliert und nur eine Minderheit davon ist echt.

Am Ende ist die Sache mit dem simulierten Universum aber vor allem nur eine interessante Idee, √ľber die man durchaus nachdenken kann. Aber auch wenn es eine interessante Idee ist, auch wenn es spannend ist, sich das vorzustellen und sich mit den Science-Fiction-Geschichten zu besch√§ftigen, die das getan haben: Es gibt keine wissenschaftlich seri√∂sen Argumente, aus denen man ableiten k√∂nnte, dass es wahrscheinlich ist, dass wir in einer Simulation leben. Die philosophische Gedanken √ľber die Natur der Realit√§t in eine naturwissenschaftliche Hypothese umdeuten zu wollen, nach der das Universum ein Computerprogramm ist und wir nur Simulationen sind: Das ist eigentlich schon nah an der Pseudowissenschaft. Aber gut, es kann nat√ľrlich sein, dass da nur die Simulation aus mir spricht‚Ķ