Geschichte Europas   /     Y-023: Carl Vogt, Der Urmensch (1864)

Subtitle
Y: Quellen
Duration
394
Publishing date
2023-03-19 03:00
Link
https://geschichteeuropas.podigee.io/t174-173
Contributors
  Tobias Jakobi
author  
Enclosures
https://audio.podigee-cdn.net/1019203-m-573774318cb2ca46c44fa35bacf03524.mp3?source=feed
audio/mpeg

Shownotes

Y: Quellen

VerknĂŒpfte Folgen

Die Jungsteinzeit im Rheinischen Revier, mit Dr. Erich Claßen & Dr. Kerstin Schierhold [LVR geSCHICHTEN] (26.03.2023)

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Die Episoden werden thematisch und nicht nach Erscheinungsdatum nummeriert. FĂŒr einen chronologischen Durchgang zur europĂ€ischen Geschichte sollten die Episoden nach Namen sortiert werden.

schwarze0fm hatte als Hobbyprojekt begonnen - inzwischen habe ich aber durch Auftragsproduktionen und Crowdfunding die Möglichkeit gewonnen, mehr und bessere Folgen fĂŒr Geschichte Europas zu produzieren. Das Prinzip "schwarze Null" bleibt - die Einnahmen werden verwendet, fĂŒr mich Rahmenbedingungen zu schaffen, den Podcast zu betreiben und weiterzuentwickeln. In dieser Folge habe ich das ausfĂŒhrlich erklĂ€rt.

This episode of "Geschichte Europas" by schwarze0fm (Tobias Jakobi) first published 2023-03-19.

CC-BY 4.0: You are free to share and adapt this work even for commercial use as long as you attribute the original creator and indicate changes to the original.

Quellentranskript

Sollte die Geschichte davon schweigen, Tausend Steine wĂŒrden redend zeugen, Die man aus dem Schooß der Erde grĂ€bt.

Der Reim ist zwar keiner der besten (obgleich, wenn ich nicht irre, von einem großen Dichter, die Sache aber darum nicht minder wahr. Wenn ich noch an die Ă€lteste Geschichte denke, die wir als Gymnasiasten aufgetischt erhielten und bei den PrĂŒfungen herplappern mußten, so graut mir zuweilen: Einerseits hatten wir einen bibelglĂ€ubigen Theologen als Religionslehrer, der uns auch kein Titelchen von den haarstrĂ€ubenden Familiengeschichten des jĂŒdischen Stammes nachließ, und andererseits einen im etymologischen Wurzelsuchen aufgegangenen Geschichtsprofessor, der uns unwiderleglich bewies, daß die Griechen Ă€gyptisch und di1. AufzĂ€hlungs-Texte Deutschen griechisch gesprochen hĂ€tten, daß Chinesen und Hindus und Altperser ein Volk seien und auch nur eine gemeinschaftliche Historie besĂ€ĂŸen, die zwar leider verloren gegangen sei, aber wieder construirt werden könne. Sprach der Eine von Moses, so fabelte der Andere von Wischnu – berief sich Jener auf die Bibel, so baute Dieser HĂ€user auf die Vedas, und in Mitten saßen wir armen Kerle ĂŒber den kleinen Bredow gebeugt und schwitzten hinter den drei Brezeln (333), wie wir die reducirte Jahreszahl Alexander’s des Großen, oder den drei RoßnĂ€geln, wie wir die Zahl Solon’s (666) nannten. Daß wir noch einigen Verstand aus dem Zusammenstoß der beiden unser Gehirn ackernden und sĂ€enden Lehrmaschinen retteten, daran sind diese selbst wahrhaftig nicht schuld. Und wenn nun gar der Professor der classischen Philologie dazu kam (ich glaube gar, er hieß Geist, weil er keinen hatte) und uns mit eben so voller Ueberzeugung das goldene, silberne, eherne und eiserne Zeitalter demonstrirte, so geriethen die verschiedenen Paradiese und Stammörter des Urmenschengeschlechtes in eine solche Verwirrung in unseren Köpfen, daß wir vorzogen, auf Mord auswendig zu lernen, aber schließlich gar nichts von dem Gelernten zu glauben. Ob wohl unsere Jungen jetzt, nach der Ausgrabung der Urmenschen und der von ihnen redenden Steine, noch immer auf den SchulbĂ€nken in Ă€hnlicher Weise wie ihre VĂ€ter bearbeitet werden? Fast möchte ich es glauben – die meinen wenigstens bringen zuweilen seltsame BruchstĂŒcke aus der Schule heim. Um so mehr aber dĂŒrfte es geboten sein, von Zeit zu Zeit die Funde zusammenzustellen, welche Mythen und Traditionen, religiöse Sagen und poetische Fiktionen wirklich mit Steinen todtschlagen und einer gesunderen, naturgemĂ€ĂŸeren Auffassung der menschlichen Entwicklung von Urbeginn an die ThĂŒr öffnen.

Nichts giebt in der That eine großartigere Anschauung des Entwicklungsganges unseres Geschlechtes, als jene mĂŒhsamen Untersuchungen, welche aus Sandgruben und Höhlen, aus Torfmooren und SeegrĂŒnden, aus Steinhaufen und GrĂ€bern die Zeugnisse vom Urzustande des Menschen zu Tage fördern. Mit welch’ harter MĂŒhseligkeit kĂ€mpfte ein armseliges Volk, das hinsichtlich seiner GeistesfĂ€higkeiten, seiner HĂŒlfsmittel weit unter den niedrigsten Wilden stehen mußte, welche uns ĂŒberhaupt unter den mitlebenden Völkern bekannt wurden, den Kampf um das Dasein! Wie elend mußten die ZustĂ€nde sein, wo man einen gespaltenen Kiesel fĂŒr das non plus ultra einer Waffe, das Mark eines halbverkohlten und gespaltenen Knochen fĂŒr den grĂ¶ĂŸten aller Leckerbissen hielt; wo man mit dem BĂ€ren um seine Beute ringen und mit dem Eichhörnchen um seine NĂŒsse klettern mußte; wo der Mensch und des Menschen Sohn in der That nicht hatte, wo sein Haupt hinlegen, und der Gorilla in seinem Urwalde und seiner HĂŒtte aus Baumzweigen fast auf derselben Stufe stand, wie der Mensch, der noch obenein vielleicht in einem kĂ€lteren Klima ausdauern mußte!

Wenn wir aber nun sehen und an der Hand der Thatsachen nachweisen können, wie diese kaum ĂŒber die Thierstufe erhabenen Geschöpfe sich allmĂ€hlich aus der Wildheit hervorarbeiten, wie sie feste Wohnsitze sich grĂŒnden, den Nahrungsschatz, den wilde Pflanzen und wilde Thiere ihnen bieten können, durch Anbauung des Bodens und ZĂ€hmung der Thiere vermehren, wie sie also Ackerbau und Viehzucht sich grĂŒnden und nun, stets weiter und weiter gehend, sogar zu dem Punkte kommen, neben dem BedĂŒrfnisse der Noth auch dem GefĂŒhle der Schönheit GenĂŒge leisten zu können; wenn wir sehen, wie sie dies Alles aus dem eigenen Nachdenken schöpfen und sich zugleich auf stets höhere Stufen der Intelligenz schwingen, indem sie die Hindernisse bekĂ€mpfen, die ihnen im Wege stehen, und die Mittel erfinden, sie zu besiegen – wenn wir so, indem wir die Producte der schöpferischen Kraft, die diesen Wesen innewohnt, kennen lernen, zugleich eine stets grĂ¶ĂŸere und weitere Vorstellung von dieser schöpferischen Kraft und der unendlichen SphĂ€re gewinnen, welche der Menschengeist sich nach und nach erobert und dienstbar gemacht hat: so meine ich, sollte uns das Alles weit mehr erheben, stĂ€rken und erfreuen, als alle noch so tiefsinnigen Dichtungen oder wunderbaren ErzĂ€hlungen, die man uns als das letzte Wort selbst eines ĂŒber den menschlichen erhabenen Geistes anrĂŒhmen möchte. Die in Stein, Horn oder Metall ausgeprĂ€gten Zeugnisse des Urzustandes des Menschengeschlechtes, welche uns die Forschung in die Hand legt, reden lauter in der That, vernehmlicher und ĂŒberzeugender von der steten Vervollkommnung des Menschen, von der bestĂ€ndigen Verbesserung seiner Lage, der unablĂ€ssigen Veredlung seiner Sitten, der unausgesetzten Fortbildung seines Wesens, als hundert philosophische Deduktionen oder tausend langweilige Predigten. Man staunt ĂŒber das Gewaltige, was Menschen, die von Allem entblĂ¶ĂŸt zu sein schienen, zu leisten vermochten – man fragt sich zögernd, ob man werth sei, solchen VorgĂ€ngern nachzueifern – aber man fĂŒhlt sich zugleich gehoben durch das Bewußtsein, daß die Verbesserungen des Menschen eigenes Werk und der Zustand, in dem sich der Mensch und die menschliche Gesellschaft befindet, nur ihm und der Gesellschaft selber zuzuschreiben ist.