datenleben   /     dl051: adhs – häufigkeit und diagnosen

Description

ADHS – Aufmerksamkeits-Defizits-Hyperaktivitäts-Störung – ist ein Thema, das aktuell viel beachtet wird. Seien es Beiträge in den Sozialen Medien, Berichterstattungen in Zeitschriften oder Videoformaten etc. Immer wenn so ein Thema viel Aufmerksamkeit bekommt, steht die Frage im Raum: Wird das immer häufiger? Das haben wir uns näher angesehen. Außerdem haben wir uns u.a. mit der Frage beschäftigt, welchen Einfluss hier geänderte Diagnosekriterien haben. Und wir haben laut und mit Blick auf verschiedene Studien darüber nachgedacht, ob eine Diagnose auch im Erwachsenenalter noch wichtig sein könnte.

Subtitle
Wird ADHS häufiger oder nur häufiger diagnostiziert?
Duration
00:57:21
Publishing date
2024-06-15 10:00
Link
https://www.datenleben.de/index.php/2024/06/15/dl051-adhs-haeufigkeit-und-diagnosen/
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Contributors
  datenleben
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Enclosures
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Shownotes

ADHS – Aufmerksamkeits-Defizits-Hyperaktivitäts-Störung – ist ein Thema, das aktuell viel beachtet wird. Seien es Beiträge in den Sozialen Medien, Berichterstattungen in Zeitschriften oder Videoformaten etc. Immer wenn so ein Thema viel Aufmerksamkeit bekommt, steht die Frage im Raum: Wird das immer häufiger? Das haben wir uns näher angesehen. Außerdem haben wir uns u.a. mit der Frage beschäftigt, welchen Einfluss hier geänderte Diagnosekriterien haben. Und wir haben laut und mit Blick auf verschiedene Studien darüber nachgedacht, ob eine Diagnose auch im Erwachsenenalter noch wichtig sein könnte.

Links und Quellen

Schlagworte zur Folge

ADHS, ADS, Längsschnittstudie, Querschnittstudie, Metastudie, Neurodiversität, Neurodivergenz, Häufigkeit

Intro (00:00:00)

Thema des Podcasts (00:00:18)

Helena: Willkommen zur 51. Folge beim Datenleben Podcast, dem Podcast über Data Science. Wir sind Helena

Janine: und Janine

Helena: und möchten mit euch die Welt der Daten erkunden. Es wird immer wichtiger, Daten in das große Ganze einordnen zu können. In unserem Podcast wollen wir deswegen Data Science anhand von Themen erklären, die uns alle betreffen.

Thema der Folge (00:00:37)

Janine: Und dieses Mal haben wir uns das Thema ADHS ausgesucht, was ein ziemlich umfangreiches Thema ist. Deswegen haben wir auch nur einzelne Unterpunkte herausgegriffen, nämlich zum Beispiel die Frage, warum das denn immer häufiger aufzutreten scheint, weil das so eine der Behauptungen ist, die in den Nachrichten häufiger mal rezipiert wird. Und darüber wollen wir ein bisschen sprechen und uns das mal genauer angucken, was die Daten dazu überhaupt sagen und auch darüber nachdenken, warum es zum Beispiel wichtig sein könnte, auch noch im Erwachsenenalter eine Diagnose zu bekommen. Genau, das sind so die Punkte, die wir vorhaben, also ein relativ eng gefasster Blick, aber auch das ist schon gar nicht so einfach, wie sich herausstellt, finde ich jedenfalls. Und übrigens werden wir im Folgenden auch allgemein den Begriff ADHS verwenden für die Aufmerksamkeitsdefizitshyperaktivitätsstörung, wie es insgesamt ausgesprochen heißt, um es an dieser Stelle einmal ganz gesagt zu haben. Wir kürzen es mit ADHS ab, weil Klammern leider schlecht zu hören sind, möchten an dieser Stelle aber dazu sagen, dass damit sowohl das Aufmerksamkeitsdefizit mit als auch ohne Hyperaktivität gemeint ist, sowie der kombinierte Fall von beidem. Diese Verkürzung ist immer ein bisschen ungelenk, aber in einem Audio-Medium wahrscheinlich am angenehmsten umzusetzen. Und ein anderer kleiner Disclaimer ist, wir werden wahrscheinlich keine grundsätzliche Definition von ADHS geben, das gibt's an anderen Stellen schon ganz gut nachzulesen, ihr könnt dazu einige Links auch in unseren Shownotes finden, zum Beispiel das Infoportal ADHS, das vom zentralen ADHS-Netz betrieben wird und vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert wird. Ja, aber auch Quellen wie den YouTube-Channel "How to ADHD", der meiner Meinung nach Themen kurz und verständlich erklären kann.

Warum ist das Thema wichtig? (00:02:37)

Helena: Ja, und wir befassen uns mit dem Thema unter anderem, weil es ja viel mediale Aufmerksamkeit bekommt im Moment und gleichzeitig auch sehr viel Halbwissen und Vorurteile mit diesem Thema verknüpft werden und mir insbesondere auch bei der Recherche dieser Folge aufgefallen ist, dass in einigen Medien immer mal wieder veraltete Studien zitiert werden und dann die Erkenntnisse nicht mehr sonderlich hilfreich sind. Dann wird zwar irgendwas referenziert, aber das ist potenziell dann einfach ein bisschen alt. Und wir haben jetzt die Hoffnung, dass wir ein paar von diesen Punkten ausräumen können.

Einspieler: Was beudetet "Leben mit ADHS"? (00:03:12)

Janine: Was bedeutet Leben mit ADHS? Kannst du nicht mal stillhalten? Warum hörst du nie richtig zu? Du hast mich schon wieder versetzt. Bin ich dir nicht wichtig? Musst du mich ständig unterbrechen? Hör auf an deinen Fingern zu knibbeln. Wie sieht das hier schon wieder aus? Warum kannst du keine Ordnung halten? Nie machst du eine Sache fertig. Diese und viele andere Sätze hören Menschen mit ADS oder ADHS ständig. Und mit ständig ist gemeint, signifikant häufiger als andere Menschen, und zwar besonders als Kinder, aber auch im Erwachsenenalter. Was diese Fragen und Vorwürfe oft transportieren und bei den Betroffenen ankommt, ist so etwas wie "Streng dich doch mal an", "Halt dich mehr zurück", "Verhalte dich doch normal". Und ganz ehrlich, das kann extrem zermürbend sein, wenn das Tag ein und Tag aus gesagt wird. Sei es in der Schule, der Familie, unter Freunden, auf der Arbeit, im Studium, einfach überall. Dabei ist es ganz natürlich, dass manche Menschen eben ein bisschen anders verdrahtet sind. Die Menschlichkeit ist neurodivers. In ihrer gesamten Population kommen unterschiedliche Ausprägungen vor, wie auch bei der Körpergröße gibt es einen Durchschnittswert. Die meisten Menschen sind neurotypisch. Sie stellen die größte Gruppe innerhalb der Neurodiversität dar. Aber es gibt eben einfach Menschen, die von diesem Durchschnitt abweichen. Diese Menschen sind neurodivergent. Sie verarbeiten Reize anders, erinnern Dinge anders, haben einen Fokus auf andere Dinge, gehen mit Situationen anders um. Dazu gehören autistische Menschen, Menschen mit ADS oder ADHS, Menschen mit Tourette, Menschen mit Dyslexia und viele mehr. Zwar wird eine Neurodivergenz in der Regel mit einer Diagnose festgestellt und damit auch oft als Störung eingeordnet, aber für die meisten Betroffenen ist klar, dass sie nicht an ihrer Neurodivergenz leiden, sondern daran, dass ihnen viele Barrieren im Alltag, auf der Arbeit, in der Schule, in der Familie und unter Freunden begegnen können. Für einen Menschen mit ADHS macht es einen großen Unterschied, ob gesagt wird "Jetzt stell dich nicht so an" oder ob einfach mal gefragt wird "Was bedeutet das für dich, mit ADHS zu leben?" Antworten könnten sein: Irgendwie jeden Tag funktionieren müssen. Ich find mich voll okay. Mindestens 25 Jahre früher die Diagnose bekommen wäre unendlich hilfreich gewesen. Einen Haken hinter den Tag machen und morgen nochmal neu versuchen. Für immer gleiche Probleme ständig neue Lösungswege finden, die aktuell funktionieren. Mich den Erwartungen anzupassen, dabei aber nicht meine eigenen Bedürfnisse aus den Augen verlieren, ist schwer. Keine Kontrolle über den Schalter zu haben, worauf ich mich gerade konzentrieren kann. Erschöpft zu sein von dem Versuch, alles richtig zu machen. Meine Kreativität frei in den Lauf lassen und die Welt um mich herum vergessen. ADHS kann einfach sehr vielseitig sein. Also frag doch einfach mal die Menschen in eurem Umfeld, was bedeutet das für dich?

Wird ADHS häufiger? (00:06:05)

Helena: Eine Sache, die man ja immer wieder liest und meiner Erinnerung auch schon vor 20 Jahren immer wieder gelesen hat, war die Behauptung, dass ADHS ja immer häufiger werden würde. Und jetzt kommen natürlich dann auch noch die ganzen sozialen Medien hinzu, die immer alles so verkürzen und die Aufmerksamkeitsspanne von allen Menschen so reduzieren würden und so weiter und so fort. Weshalb wir dann jetzt erstmal mit der Frage einsteigen, wird ADHS häufiger? Dazu habe ich mir eine Studie von 2018 angeguckt, die sich mit den vergangenen Jahrzehnten beschäftigt hat. Und zwar als eine Meta-Analyse. Das heißt, die haben sich verschiedene Studien aus diesen Jahrzehnten sich angeguckt. Dabei wurde geschaut, dass es Studien gab, die mehrfach in möglichst gleichen Settings, aber mehrere, also mehr als drei Jahre, auseinander liegen. Und gefunden wurde insbesondere, dass die Diagnose ADHS über die Jahre häufiger gestellt wurde. Und zwar basierend auf den Daten von verschiedenen Querschnittstudien und Längsschnittstudien. Falls ihr euch nicht daran erinnert, Querschnittstudie heißt, man nimmt jetzt zu einem bestimmten Zeitpunkt eine zufällige Gruppe Menschen und macht Untersuchungen an diesen. Und eventuell macht man dann irgendwann nochmal eine solche Querschnittstudie und hat dann eine andere Anzahl zufällig ausgewählter Menschen. Und die Längsschnittstudie ist dahingegen, dass man zwar auch mit einer zufällig ausgewählten Anzahl Menschen auf Basis von irgendwelchen Kriterien anfängt, aber bei diesen Menschen eben nochmal untersucht. Mehrfach. So, dass man einen zeitlichen Längsschnitt hat und dann bei Individuen auch den Werdegang mitverfolgen kann. Nachteil einer Längsschnittstudie ist natürlich, die Leute werden dann im Laufe der Zeit älter, weil es müssen ja die gleichen Leute sein. Und wenn man die gleiche Altersgruppe zu verschiedenen Zeitpunkten untersuchen will, muss man das eben mit verschiedenen Querschnittstudien machen. Aber ich denke, beides zu haben ist eigentlich immer ein ganz gutes Ding. So. Innerhalb dieser Querschnitt- bzw. Längsschnittstudien, da ging es dann eher um das Thema Diagnose von ADHS. Man hat jetzt also feststellen können, ja, die Diagnose wurde häufiger gestellt. Das ist jetzt aber noch nicht unbedingt eine Aussage darüber, ob es wirklich häufiger geworden ist, weil ja es verschiedene Gründe geben kann, warum in einer bestimmten Menschengruppe die Diagnose häufiger gestellt wurde. Also in diesen Studien wurde nicht hingegangen und die Leute wurden alle einzeln im diagnostischen Prozess unterzogen, sondern die Leute wurden gefragt, ob sie schon mal eine Diagnose bekommen hätten. Das ist natürlich was anderes, als würde man jetzt einfach irgendwie einen Haufen Menschen sich aussuchen und dann alle Diagnostik machen, die man machen kann. Das wäre ein sehr langer Prozess und sehr aufwendig, wäre aber auch rein theoretisch eine denkbare Möglichkeit. Aber soweit ich weiß, wird das nicht gemacht. Ja, wenn man jetzt aber wissen will, unabhängig von der Diagnose, ob ADHS häufiger wird, dann muss man vielleicht die Diagnose auf andere Weise sich angucken. Und dazu wurden Studien sich angeschaut, in denen erstmal, ja, also es ging in diesem Fall, und bei den meisten dieser Studien ging es um Kinder, also in den 90ern wurden hauptsächlich halt Kinder diagnostiziert. Deswegen gibt es da auch einfach länger Daten, mit denen man vergleichen kann. Da hat man Daten von Lehrer*innen oder Eltern genommen, die Aussagen über die Verhaltensweisen ihrer Kinder getroffen haben, beziehungsweise die bestimmte Fragenkataloge ausgefüllt haben, die jetzt erstmal nicht unbedingt was mit ADHS zu tun haben. Und wenn man dann auf diese Fragenkataloge die ADHS-Diagnose-Kriterien von heute anlegt, dann stellt man fest, dass es nicht häufiger geworden ist, bezogen auf die letzten drei Jahrzehnte, sondern dass es nur häufiger entdeckt wurde innerhalb der genannten Studien.

Janine: Und das hat sozusagen diese Metastudie, die du dir angesehen hast, dann daraus geschlossen?

Helena: Genau. Und es gibt auch in Deutschland solche Längsschnittstudien, beziehungsweise Querschnittstudien, ich glaube, das ist tatsächlich eine kombinierte Variante, die sogenannten KIGGS-Studien. Und demnach gab es seit den 2010er-Jahren keinen Anstieg der Diagnosen mehr bei Kindern, sondern eher eine gleichmäßigere Verteilung bei den Diagnosen von Kindern auf die Geschlechter. Das ist so die Änderung, die man in Deutschland gesehen hat. Also nicht unbedingt mehr Diagnosen. Ja, und hier wird ein möglicher Grund für die Erhöhung genannt, nämlich, dass die Verfügbarkeit von Medikamenten das Interesse an der Diagnostik erhöhen würde. Weil wenn man weiß, es gibt ein Medikament und man kann etwas tun, damit es bestimmte Probleme weniger gibt, dann lohnt es sich für viele Akteure auch eher, die Diagnose aktiv herbeizuführen. Ja, das war jetzt eine Studie zum Thema Kinder, die schon mal ein sehr interessantes Ergebnis gehabt hat, nämlich, dass, wenn man sich einfach Aussagen von Eltern und Lehrer*innen anguckt, eben ADHS nicht häufiger geworden ist, sondern lediglich häufiger entdeckt wird, dann kann man sich noch fragen, was gibt es denn noch so für andere Effekte bei Kindern. Und eine Sache, die ich da auch gefunden habe, die mich durchaus im ersten Moment überrascht hat, aber beim weiteren darüber Nachdenken eigentlich gar nicht mehr so überraschend ist, nämlich, wenn man sich jetzt eine Klasse anguckt, wo die Kinder ungefähr gleich alt sind, aber eben bis zu einem Jahr Altersunterschied haben können, dann werden Kinder, die jünger in dieser Gruppe sind, häufiger ADHS diagnostiziert und dann auch mit Medikamenten versorgt, als die innerhalb dieser Klassenstufe älter sind, also relativ zu den Mitschüler*innen. Und den gleichen Effekt gibt es dann eine Klassenstufe später wieder und so weiter. Das Ganze gibt es auch im Sport und ist da bekannt als "Birthdates-Effekt", was man vielleicht mit so etwas wie "Geburtszeitpunkts-Effekt" oder "relatives Alter-Effekt" übersetzen kann. Und im Sport lässt sich das insofern sehr einfach erklären, weil es in sehr vielen Sportarten in den Jugendkategorien, wenn es um Wettkämpfe geht, eben nach Jahrgängen sortiert ist. Das heißt, Kinder, die im Januar geboren sind, sind dann halt relativ viel älter und können schon mehr Erfahrung haben, als die, die im Dezember geboren sind, müssen aber in der gleichen Gruppe antreten gegeneinander. Das heißt, wenn man jetzt irgendwie eine Teamsportart hat, wo dann ein Team zusammengestellt wird, würde man eher die älteren Kinder nehmen, weil die ja schon ein bisschen mehr können und dadurch, dass die dann häufiger bei Wettkämpfen antreten, haben sie dann auch mehr Erfahrung. Und das verstärkt sich dann bis zu einem gewissen Punkt. Das lässt sich bei Kindern und Jugendlichen nachweisen und bei Profisportler*innen mittelt sich das dann langsam heraus.

Janine: Das heißt, es gibt irgendwo so einen Punkt, wo die Altersvarianz quasi immer egaler wird?

Helena: In gewisser Weise schon, weil es dann ja auch nicht mehr diese Kategorisierung gibt.

Janine: Mhm.

Helena: Und also je später man in einen Sport einsteigen kann, desto weniger ist es wahrscheinlich entscheidend. Ja, das Ganze gibt es auch bei ganz normalem Bildungserfolg. Und da ist ja nicht mehr auf Jahrgänge bezogen, also Geburtsjahrgänge, sondern Schuljahrgänge, die ja einen anderen Stichtag haben. Und das ist unterschiedlich auch in verschiedenen Ländern. Und bei ADHS könnte man sich das dann vielleicht so erklären, dass jüngere Kinder innerhalb ihrer Gruppe als etwas kindischer wahrgenommen werden, im Sinne von, die sind vielleicht noch unruhiger als der Klassendurchschnitt und so weiter und vielleicht auch einfach langsamer Dinge verstehen in der Schule und so. Das heißt, sie fallen eher auf innerhalb der Gruppe und haben dann einfach eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass das Ganze als ADHS entdeckt wird. Hierbei gibt es auch sehr viele verschiedene Studien aus verschiedenen Ländern. Das heißt, das ist jetzt nicht irgendwie so ein Effekt, der mal irgendwo gefunden wurde, sondern das wird durch sehr viele Länder hindurch entdeckt. Und in Deutschland ist der Unterschied etwa bei 22 Prozent. Das heißt, hier ist der noch relativ gering im Vergleich zu den anderen Ländern. Und Taiwan hat so den höchsten Wert, wo der Unterschied ist, dass die jüngsten einer Klasse 75 Prozent wahrscheinlicher diagnostiziert werden als die ältesten in der Klasse. Also, und die meisten Länder liegen irgendwo dazwischen. Ja, dieser Effekt ist am stärksten so in der dritten und vierten Klasse, so den Studien nach. Und das sind aber auch die Zeitpunkte, wo die häufigsten Diagnosen gestellt werden. Also in gewisser Weise fallen ja erst, wenn es in die Schule geht, bei den Kindern auf, dass die vielleicht Probleme haben könnten in der Schule. Und das führt dann dazu, dass man sich das erst ein bisschen anguckt. Und in der dritten, vierten Klasse steigen dann die Anzahl der Diagnosen stark an. Und so wie ich das jetzt gesehen habe, ziehen dann, wenn die Kinder älter werden, hier die Diagnosen tatsächlich dann nach. Das heißt, dann werden auch die Älteren innerhalb ihrer Klassenstufe später halt doch noch auch diagnostiziert.

Janine: Ja, das ist spannend. Stand in diesen Studien eigentlich auch etwas dabei, dass die Schule tatsächlich der häufigste Ort ist, auch quasi von dem die Anregung ausgeht, eine Diagnose zu suchen?

Helena: Also, so habe ich das da reingelesen. Dass das häufigste Probleme im Schulalltag sind, die dazu führen. Das heißt nicht unbedingt, dass es jetzt aus der Schule herauskommt, der Vorschlag, man könnte mal die Diagnose machen, sondern eher, ja, dass es auf jeden Fall irgendwie damit zusammenhängt. Ja, hierzu möchte ich noch einmal anmerken, dass es in so Ländern wie Deutschland oder zum Beispiel auch England möglich ist, wenn Kinder in der Nähe des Stichtages, wo entschieden wird, in welchen Jahrgang sie kommen, geboren werden, dass man dann durchaus die Möglichkeit hat, das Kind ein Jahr später einzuschulen. Und dann gehört es wieder zu den Älteren einer Gruppe und hat dann vielleicht, ja, ist es dann einfacher. Das hängt dann sehr vom individuellen Fall ab. Ich kann mich auf jeden Fall erinnern, dass, während ich zur Schule ging, gab es ein paar Leute, die einfach ein Jahr später eingeschult wurden, die um diesen Zeitraum geboren wurden, ja.

Janine: Ist auf jeden Fall eine gute Möglichkeit, über die sich Gedanken gemacht werden kann.

Helena: Ja.

Warum wird ADHS häufiger diagnostiziert? (00:16:50)

Janine: Ja, also so ganz zusammengefasst den ersten Punkt hier können wir sagen, dass nach dem, was du gesehen oder gelesen hast, ADHS erst mal, soweit man das beurteilen kann, nicht häufiger auftritt. Aber es wird berichtet, dass ADHS häufiger entdeckt und dann diagnostiziert wird. So ganz grob.

Helena: Ja.

Janine: Und ja, deswegen ist dann wieder die nächste Frage. Ich arbeite hier immer gern mit Fragen. Was genau die Gründe dafür sein könnten, dass es vielleicht häufiger diagnostiziert wird? Was hast du da denn herausgefunden?

Helena: Ja, da bin ich dann auf einen Artikel gestoßen, auf einer deutschen Webseite, wo dann über einen, ich glaube, englischen Artikel berichtet wurde, in dem berichtet wurde, dass es irgendwie häufiger geworden sei und dann wurde ein alter deutscher Artikel, also eine alte deutsche Studie zitiert, um zu sagen, ja, es wird ja auch in Deutschland zunehmen. Obwohl ja die KIGGS-Studien, die das insbesondere bei Kindern und Jugendlichen untersucht hat, festgestellt hat, ja, nein. In Deutschland gab es jetzt irgendwie so in den letzten 10, 15 Jahren keine Erhöhung. Das kann man auch nochmal ein bisschen einschränken, das tun wir später noch. Aber soweit die Studienlage aussieht, ist es weitestgehend gleich geblieben bei Kindern und Jugendlichen. Und was auch eine große Rolle spielt, ist, dass man ja verschiedene Studien miteinander vergleicht, die ja unterschiedlich gemacht werden. Und manchmal kommen manche Studien auf so Werte wie 9 Prozent der Bevölkerung hätten ADHS und andere berichten zum Beispiel 5 Prozent. Und wenn man sich dann natürlich genau die richtige Abfolge von solchen Studien, die solche absoluten Prävalenzen quasi Aussagen heranzieht, dann hat man natürlich den Eindruck, es würde mehr werden. Aber potenziell ist einfach die Methodik völlig unterschiedlich dieser beiden Studien und dann kann man die 9 Prozent, 5 Prozent überhaupt nicht in Relation setzen.

Janine: Aber das ist ja zum Glück etwas, was ja oft, wenn ich das richtig verstanden habe, in den Metastudien dann auch mitbetrachtet und beurteilt wird.

Helena: Ja, genau das. Bei Metastudien wird sehr darauf geachtet, dass die Methodik sehr gleichmäßig ist oder wenn solche Unterschiede entstehen, dass man die halt auch berücksichtigt.

Janine: Und wie kam es jetzt zu dieser anderen Aussage, dass es doch häufiger werden würde?

Helena: Ja, das ist natürlich eine spannende Frage. Weshalb man natürlich auch hier immer den Eindruck hat, ja, es wird immer mehr, liegt wahrscheinlich zum einen daran, dass wir natürlich sehr viele internationale Medien lesen. Also ich konsumiere auch sehr viele englischsprachige Medien zusätzlich zu deutschsprachigen Medien. Das heißt, da wird natürlich auch berichtet, dass es mehr wird und soweit ich das nachvollziehen kann, stimmt das in deren Studien ja auch schon. Und hier werden verschiedene Gründe, weshalb das auch in den USA oder UK häufiger vorkommt, genannt. Und der erste Grund, der so genannt wird, ist ja, Ärzte sind besser geschult in Bezug auf ADHS. Sie können es also besser erkennen. Außerdem wurden Diagnoskriterien angepasst im Laufe der Jahre und der Inattentive Type, also der Typ von ADHS ohne dem H, also ohne Hyperaktivität, ist halt einfach nicht so auffällig und wurde deswegen leichter übersehen, weil jetzt zum Beispiel im Schulalltag mangelnde Aufmerksamkeit weniger stört als Hyperaktivität. Das stört jetzt dann vielleicht die eine Person, die nichts mitkriegt oder der Lehrer*in, aber nicht auch noch allen Mitschüler*innen sozusagen. Das heißt, es wurde öfter übersehen und mit mehr Aufmerksamkeit auf ADHS wird es dann weniger häufig übersehen. Und gerade in den USA gibt es da noch den Grund, es wurde irgendwann Obamacare eingeführt und dadurch bekamen erst Personen mit geringem Einkommen überhaupt Zugang zur Diagnostik und hatten überhaupt erst die Chance, dass deren Kinder oder sie selber diagnostiziert werden konnten.

Inwiefern haben sich die Diagnosekriterien geändert? (00:20:59)

Ja, ich hatte ja gerade gesagt, ein Grund ist, dass die Diagnosekriterien sich geändert haben. Das fand ich jetzt erstmal ganz interessant zu hören, weil ja, gut, das heißt, es hat sich ein bisschen auch die Sicht auf ADHS mit der erhöhten Forschungsaktivität verändert. Es ist aber auch die spannende Frage, was hat sich denn genau geändert? Und hierbei muss man zum einen bedenken, dass es jetzt in Europa und den USA verschiedene diagnostische Systeme gibt. Also in Deutschland gibt es den sogenannten ICD, da gibt es dann verschiedene Codes für verschiedene Krankheiten. Der ist generell für alles Mögliche und da sind dann auch so Buchstaben-Zeichen-Kombinationen, unter denen dann Krankenkassen Dinge abrechnen. Das sind dann meistens diese ICD-Codes. Und da gab es bis ungefähr dieses Jahr, und wahrscheinlich wird ja immer noch benutzt, den ICD-10. Und den gibt es seit 1994. Das heißt seitdem haben sich auch die Diagnosekriterien hier jetzt nicht wirklich geändert.

Janine: Was, um das mal in Zahlen zu fassen, tatsächlich 30 Jahre sind.

Helena: Ja, genau, das sind 30 Jahre. Und in der gleichen Zeit, auch Anfang der 90er gab es den sogenannten DSM-4 als Diagnosekatalog in den USA, der sich aber jetzt nicht auf alle möglichen Dinge, die man bei Krankenkassen abrechnen wollen könnte, bezieht, sondern hauptsächlich auf irgendwas in Bezug auf Psychologie und ähnliches. Und in diese Kategorie fällt ja auch ADHS rein. Und hier wurde allerdings schon vor 10 Jahren ein Update gemacht mit der neuen Forschung, nämlich der DSM-5 wurde eingeführt. Und dieser änderte eben auch die Diagnosekriterien von ADHS. Und zwar ist ein Diagnosekriterien, dass es eine bestimmte Gruppe von Symptomen gibt, wo man vorher gesagt hat, die müssen auf jeden Fall schon aufgetreten sein, bevor man 7 Jahre alt wurde. Das heißt, bevor man in die Schule gekommen ist. Und das wurde heraufgesetzt auf 12 Jahre. Das heißt, für alle die Leute, wo die Probleme sozusagen erst überhaupt anfangen, wenn man in die Schule kommt, gibt es jetzt die Möglichkeit, das auch dann erst wirklich festzustellen, sozusagen. Dann wurde das Wort Beeinträchtigung durch Symptom ersetzt. Das heißt, es muss nur als Symptom auftreten, dass man eine bestimmte Verhaltensweise zeigt. Das muss jetzt niemanden beeinträchtigen und insbesondere nicht die Person selbst. Vorher konnte nur diagnostiziert werden, wenn man auch eindeutig darunter gelitten hat.

Janine: Was eine besonders interessante Änderung ist, wie wir vielleicht an einem späteren Punkt dieser Folge nochmal anreißen könnten.

Helena: Ja. Ja, eine weitere Änderung im DSM-5 ist, dass überhaupt erst erlaubt wurde, Autismus und ADHS zusammen zu diagnostizieren. Vorher waren das Ausschlussdiagnosen. Das heißt, wer mit dem einen diagnostiziert wurde, durfte nicht mehr mit dem anderen diagnostiziert werden. Das ist jetzt quasi erst seit 10 Jahren geändert in den USA. Mittlerweile gibt es dafür auch ein eigenes Wort, wenn man beides hat, nämlich AuDHD. Also ADHD ist das englische Äquivalent zu ADHS. Ja, in Deutschland wird jetzt langsam der ICD-11 eingeführt. Offiziell ist der soweit ich weiß seit diesem Jahr in Kraft. Und hier wurde im Grunde einfach nachgezogen, was ADHS angeht. Also jetzt sind die Kriterien, die ich gerade genannt habe, hier eben auch gültig.

Janine: Übrigens, wo wir gerade auch bei AuDHD waren und den Diagnosekriterien, falls das hier irgendwem gerade ein bisschen bekannt vorkommt, was wir sagen, etwas ähnliches haben wir schon mal in Folge 32 angerissen. Wie wird Autismus erforscht? Also falls da ein paar Sachen klingeln, da könnte es herkommen. Schrägstrich die Information, wer sich auch diese Perspektive einmal anhören möchte in Bezug auf Autismus, kann gern nochmal bei der Folge vorbeischauen.

Helena: Genau. Ja, offiziell wird in Deutschland der DSM jetzt nicht zur Diagnostik verwendet. Wobei soweit ich weiß, ist auch schon hier mittlerweile angekommen, dass Autismus und ADHS zusammen diagnostiziert werden können. Nur weil man den ICD-11 noch nicht fertig hat oder der lange nicht fertig war, konnte man glaube ich schon trotzdem Dinge daraus übernehmen. Es wurde auf jeden Fall mittlerweile gemacht. Was aber auch noch ein wichtiger Punkt ist, ist in der Forschung in Europa wurde bereits der DSM-5 verwendet, also die Diagnosekriterien sind hier so gesehen nicht begrenzt auf, also die sind halt mehr für sowas wie Krankenkassenabrechnung und so weiter. Für die Forschung ist eher relevant, dass man möglichst international irgendwas Allgemeingültiges hat, deswegen wurde da bereits der DSM-5 verwendet. Ja, also ein Grund, weshalb jetzt in Deutschland bei der Forschung noch keine Zunahme verzeichnet wurde in den letzten 15, 20 Jahren, könnte natürlich auch sein, weil hier mit dem ICD-11 die Diagnosekriterien noch gar nicht angekommen sind. Das heißt, das könnte jetzt natürlich alles noch nachfolgen. Und auch wenn die Forschung jetzt natürlich schon den DSM-5 verwendet hat, hat nicht jede Forschung so funktioniert, dass die selbst diagnostiziert haben, sondern gerade sowas wie diese Studien, die Querschnittstudien vom KiGGs und so, haben eher gefragt, ja, hat schon mal jemand eine Diagnose gestellt für dieses Kind? So, das heißt, da wurde ja trotzdem auf die normalen Diagnosekriterien referenziert.

Janine: Und auf die diagnostische Praxis sozusagen.

Helena: Ja, genau.

Janine: Ja.

Helena: Das heißt, es könnte sein, dass in Deutschland der Anstieg jetzt noch nachfolgt. Deswegen, ja, die Studien, die es gibt, die sind halt aus den letzten Jahren und für genau jetzt. Jetzt könnte es trotzdem sein, dass jetzt gerade dieser Anstieg eben passiert. Und ein Hinweis könnte natürlich sein, wenn man sich bei Google die Suchergebnisse nach ADHS anguckt. Google hat ja Statistiken dazu, wie oft etwas gesucht wird. Und wenn man sich das anguckt, sieht man sehr deutlich, dass von Deutschland aus der Suchbegriff ADHS ja in den letzten zwei Jahren deutlich zugenommen hat.

Janine: Was ich grundsätzlich auch einen super interessanten Zeitpunkt finde, weil wir hatten das Thema ja schon, dass sich zum Beispiel mit dem Eintritt in die Schule etwas ändern kann bei einem Kind, einem Menschen, dass dann überhaupt erst auffällig wird, dass ADHS vorliegen könnte. Und genau das Gleiche gilt eigentlich auch immer dann, wenn sich grundsätzlich im Leben etwas ändert, wenn sich Strukturen ändern. Es kann passieren, wenn man eben zum Beispiel plötzlich in einem Lockdown zu Hause sitzt und die ganzen Alltagsstrukturen wegbrechen. Also ich finde, man kann es natürlich überhaupt nicht sagen, aber ich finde es wirklich einen spannenden Zeitpunkt.

Helena: Es ist ja quasi nicht, wenn der Lockdown anfängt, steigt es plötzlich stark an, sondern eher wenn der Lockdown durch ist.

Janine: Ja, das auch. Es ist, da spielt vielleicht auch die eigene Erfahrung mit rein. Ich habe halt die Diagnostik auch erst etwas später gemacht, aber es ist durchaus so, dass halt mit Beginn des Lockdowns sich durchaus Dinge verändert haben und einem anders auf die Füße gefallen sind. Und damit muss man sich ja auch erst mal auseinandersetzen und überhaupt ahnen, erfahren, wissen, woher es vielleicht kommt. Und dann entsteht irgendwie so Leidensdruck, der irgendwie nebulös ist, bis dann irgendwann mal eine Erkenntnis kickt und dann werden Dinge in Gang gesetzt.

Helena: Okay, also das heißt, du erwartest schon, dass es auch einfach verzögert ist, wenn es durch den Lockdown, durch die Pandemie ausgelöst, durch die Änderung des Alltags, dass man dann plötzlich feststellt, dass Dinge nicht mehr so funktionieren, aber dass man eine Weile braucht, um daraus Schlüsse zu ziehen.

Janine: Ich kann es mir gut vorstellen, ja, aber es ist nur Übertragung.

Helena: Ja, von daher, wenn man jetzt so den Google-Trends glauben darf, könnte es sein, dass wir in ein paar Jahren in den Studien, die jetzt gerade laufen und messen wie es ansteigt, tatsächlich auch sehen, dass es in Deutschland mehr wird.

Janine: Mehr diagnostiziert wird.

Helena: Genau, mehr diagnostiziert wird. Wir haben ja schon gesagt, es gibt Studien, die sagen, ADHS wird nicht mehr auf die Gesamtbevölkerung betrachtet, sondern es wird nur mehr diagnostiziert. Ja, und weil das eben über sehr lange Zeiten etwas war, was man vor allen Dingen für Kinder betrachtet hat, hat man auch sehr lange nur Kindern überhaupt irgendwie Medikamente gegeben. Und es gab zum Beispiel von 2006, das ist jetzt auch schon fast 20 Jahre her, einen Bericht, dass nur etwa 11 Prozent der Erwachsenen Amerikaner mit ADHS eine Form von Behandlung haben. Ja, und es wird auch gesagt, dass es ein Risiko ohne jegliche Behandlung sei für die Individuen. Also, dass das persönliche Risiko ohne jede Behandlung für die Person deutlich gravierender ist, als wenn man sie zu viel behandeln würde. Also, es wird ja oft irgendwie Behandlung nicht gemacht, weil Medikamente könnten Nebenwirkungen haben. Und hier war jetzt die Aussage, dass der Schaden durch Nichtbehandeln größer ist als durch Behandeln. Oder wenn man Leute ausversehen überbehandeln würde. Aber ADHS-Medikamente stehen halt in einem gewissen Ruf, dass sie auch missbraucht werden könnten, weil manche dieser Medikamente halt auch als Drogen auf dem Schmacksmarkt zur Verfügung stehen. Und in US-Unis wurde im Kontext von Prüfungen festgestellt, dass Leute dann sich ADHS-Medikamente besorgen, um eben besser zu lernen oder die Prüfung besser zu schreiben und eben nicht um Party zu machen. Also, die Leute, die das jetzt quasi illegal sich besorgt haben, haben das halt dann quasi zur Selbstmedikation benutzt und nicht, um das zu machen, weshalb diese Dinge eben nicht frei verkäuflich sind.

Janine: Ein besonders beliebtes Meme, das kann man vielleicht an dieser Stelle auch mal einfügen, ist, von ADHS-Menschen, dass sie mal wieder ihre Medikation vergessen haben einzunehmen und dass das mal wieder ein Beweis dafür ist, wie schlimm süchtigmachend sie sei.

Helena: Ja.

Janine: Ist jedenfalls eines der Vorurteile. Und ja, man beweist doch recht häufig im Verlauf einer Woche allein schon, dass das nicht so richtig stimmen kann.

Helena: Ja. Ja, dann gibt es noch so kleine Details. Oder was heißt kleine Details? Für viele Leute sind das gravierende Details. Also, bei Kindern werden drei bis viermal öfter Jungs als Mädchen diagnostiziert. Und wenn es um Diagnosen im Erwachsenenalter geht, dann ist das eher ausgeglichen. Es gibt also offenbar auch starke Nachholeffekte von Frauen, die man eben als Kind übersehen hat.

Janine: Das Gleiche betrifft auch wiederum die Autismusdiagnostik. So viel sei hier schon mal verraten. Darüber haben wir auch kurz in der anderen Folge geredet.

Ist es wichtig, dass ADHS auch später noch diagnostiziert wird? (00:32:22)

Helena: Ja, jetzt die spannende Frage. Wenn es eben diese Nachholeffekte gibt, insbesondere bei Frauen im Erwachsenenalter, ist es denn wichtig, dass ADHS auch später noch diagnostiziert wird?

Janine: Ja, mit dieser Frage habe ich mich auseinandergesetzt, weil, ja wie auch bei uns jetzt das Thema aufkommt und wir darüber sprechen, speziell in den letzten Jahren, das einfach auch immer öfter in den Medien behandelt wurde. Es gab halt nicht nur mehr Menschen, die sich auf Social Media mit dem Thema befasst haben oder da auch als sogenannte Advocates aufgetreten sind. Also Menschen, die aus der eigenen Erfahrung heraus über ein bestimmtes Thema andere informieren, was zum Beispiel Danny Donovan mit ihren ADHD-Comics ganz grandios leistet oder auch eben Jessica vom YouTube-Channel "How to ADHD". Genau, das ist so der amerikanische Raum, aber auch im deutschsprachigen Raum gibt es auch immer wieder bekanntere Personen, die dann sich doch auch mit dem Thema beschäftigen. Menschen, die mir da besonders aufgefallen sind in letzter Zeit, waren Sarah Kuttner, die auch sehr offenherzige Videos über ihr Leben mit ADHS macht und Eckhard von Hirschhausen, der auch in einer Doku mehr oder minder seinen eigenen Weg zur Diagnose mitdokumentiert hat. Und ja, es bekommt halt mehr Aufmerksamkeit und auch mehr Sichtbarkeit. Und das führt unweigerlich dazu, dass Menschen vielleicht hier und da mal denken "Wait, das beschreibt mein Leben eigentlich ziemlich gut, aber ich dachte, das geht allen so. Vielleicht doch nicht. Vielleicht erklärt das, warum ich mich schon immer ein bisschen komisch gefühlt habe, so in dieser Gesellschaft." Und ja, dann fängt die persönliche Recherche natürlich an oder auch, weil im Freundeskreis oder in der Familie Menschen das Thema auf den Tisch bringen. Viele erwachsene Menschen sehen sich dieser Frage gegenüber, weil zum Beispiel die eigenen Kinder eine Diagnose erhalten und dann entweder die behandelnde Person mal fragt "Wie ist das denn bei Ihnen?" oder man selbst sich vielleicht darin wieder entdeckt. Ja, und dann ist die Frage "Brauche ich eine Diagnose? Sollte ich das tatsächlich abklären lassen?" Und mal ganz ehrlich, noch so einer Anekdote am Rande, wenn diese Frage mit "Ja" beantwortet wird, dann kommen einem eigentlich echt erstmal ziemlich viele Steine in den Weg gerollt. Es ist nämlich als erwachsene Person in Deutschland aktuell gar nicht so einfach, eine Diagnostik zu erhalten. Es gibt zu wenige Anlaufstellen, die Wartezeit ist teils absurd. Ja, selbst bei den Institutionen, wo man noch drauf zahlt, weil es eine private Leistung ist, kriegt man eigentlich kaum einen Termin. Und dazu kommt auch noch, dass ausgerechnet Menschen, die von ADHS betroffen sind, sehr viele Hürden dabei erfahren, die unglaublich hoch sind. Termine sind oft nur möglich nach Anrufen zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Helena: Da muss man ja an den Zeitpunkt denken.

Janine: Genau, man muss an den Zeitpunkt denken. Und der kann auch in sechs Monaten liegen oder rufen Sie doch nächstes Jahr im September an. Das sind so Aussagen. Die machen es einfach echt nicht leichter. Oder es gibt halt nur so feste Zeiten, dienstags von 9 bis 10 Uhr solche Scherze. Und ja, mal eher nicht die Chance, genau in diesem Moment dann nicht dran zu denken. Oder in so eine, ich mache es bestimmt morgen, Schlaufe zu geraten. Das ist doch recht hoch. Und noch dazu, ich hatte auf Mastodon gefragt, was bedeutet für euch Leben mit ADHS? Und eine der Antworten war: Ziemlich einfach, dass es nahezu unmöglich ist, als erwachsene, weiblich gelesene Person überhaupt eine Diagnose zu bekommen. Und damit sind wir auch eigentlich bei dem Punkt, den Helena eben schon angesprochen hatte. Da gibt es viel Nachholbedarf. Und es wäre schön, wenn sich das ändert, dass es auch einfacher zugänglich ist, so ganz allgemein.

Helena: Ja, aber das ist, glaube ich, ein Problem, was gerade alles, was irgendwie mit Psychotherapie oder Diagnostik in dem Bereich zu tun hat, was Deutschland, wo es echt schwer ist, überhaupt irgendwo mit anzufangen.

Janine: Ja, falls euch die Frage interessiert, wie finde ich überhaupt Sachen heraus? Es ist das zentrale ADHS-Netz verlinkt. Dort sind die regionalen Netze mit drin erfasst. Und da könnt ihr euch zum Beispiel eure Region raussuchen und die Menschen per E-Mail anschreiben, die dafür verantwortlich sind und gegebenenfalls eine Liste mit Anlaufstellen erhalten. Das ist zum Beispiel ein ganz okayer Weg, zumindest einen Überblick zu bekommen. Nur so als, ja, Tipp direkt mal an dieser Stelle. Aber zurück zu der Frage eigentlich. Auf der persönlichen Ebene ist natürlich die Frage manchmal auch gar nicht so leicht, weil man muss dazu ein bisschen im eigenen Leben rumstochern, alte Zeugnisse raussuchen. Die Familie muss gegebenenfalls mit einbezogen werden, weil es auch Elternfragebögen gibt, ja auch für Erwachsene.

Helena: Ja.

Janine: Und dann ist auch immer noch die Frage, was passiert denn eigentlich mit mir und meinen Gefühlen zu mir, wenn ich die Diagnose erhalte oder nicht erhalte? Also gehen wir mal vom Fall erhalten aus. Dann gibt es eben manche Menschen, die einfach unglaublich erleichtert sind, weil es eine Bestätigung gibt, dass sie die Diagnose haben und damit auch endlich eine Erklärung für das lebenslange Anderssein, das schon immer irgendwie aufgefallen ist. Dann gibt es aber auch so eine Art, ja, negative Seite. Man kann auch durchaus in ein Loch fallen und sich erst mal sehr mit der schmerzhaften Frage auseinandersetzen müssen, was wäre denn eigentlich, wenn das schon jemand früher erkannt hätte? Wenn das wahr ist, wie viel hätte mir erspart bleiben können an Schmerz und Umwegen, die ich in meinem Leben gemacht habe? Was hätte eigentlich tatsächlich aus mir werden können? Manchmal passiert auch beides. Und selbstverständlich ist es auch möglich, dass das gleichzeitig passiert. Also ja, es ist ein bisschen eine emotionale Achterbahnfahrt, zumindest war es das für mich. Und ich gehe davon aus, für manche andere auch. Und deswegen finde ich auch, ist das überhaupt gar keine leichte Entscheidung, so ganz auf der persönlichen Ebene. Und deswegen kann auch niemand sagen, mach eine Diagnostik, das wäre gut für dich, weil ja, das ist halt sehr individuell und muss jeder Mensch einfach selber wissen. Ja, warum reden wir jetzt trotzdem drüber? Ihr kennt ja unser Motto "Kenne dein Messverfahren" und daraus leite ich persönlich auch immer etwas so, sozusagen ein unterschwelliges Zweitmotto ab, "Triff informierte Entscheidungen". Deswegen habe ich versucht, das ein bisschen allgemeiner zu betrachten, was mir nicht in allen Punkten wirklich möglich ist, aber ich habe es wirklich ernsthaft versucht.

Welche Rolle spielt der Leidensdruck? (00:39:05)

Also, ist es wichtig, dass ADHS auch im Erwachsenenalter noch diagnostiziert wird? Ich habe mir versucht, zwei Punkte dabei anzuschauen, die ich finde, dass sie bei dieser Entscheidung eine Rolle spielen könnten. Und zwar ist das zum einen der Punkt Leidensdruck und zum anderen der Punkt Risikofaktoren, die durch ADHS erhöht werden.

Helena: Ja, Leidensdruck ist ja das Ding, was ja insbesondere vorher ein sehr relevanter Teil der Diagnostik-Kriterien ist. Ohne Leidensdruck keine Diagnostik. Nur, dass die Symptome auftauchen, reicht nicht. Das hat sich ja geändert.

Janine: Ich finde es aber auch unabhängig davon für einen selbst tatsächlich noch eine interessante Frage, weil ja, meistens ist es doch so, wir gestehen uns dann zu, uns Hilfe oder Erklärungen zu suchen für etwas, wenn wir einen gewissen Leidensdruck empfinden, wenn quasi die Motivation, eine Lösung zu erhalten oder einen möglichen Lösungsweg nachzuvollziehen, groß genug wird. Machen alle Menschen so, aber wer ADHS hat, der weiß auch, dass Motivation eine ganz besondere Rolle spielt.

Helena: Ja.

Janine: Aber das ist auch wieder sehr individuell. Wenn ich die Frage, verspüre ich einen Leidensdruck, aber mit ja beantworten kann, dann ist Diagnostik sinnvoll. Weil, wie Helena auch schon erklärt hat, unser Gesundheitssystem funktioniert so, dass man etwas diagnostiziert bekommt und aufgrund dieser Diagnose wird einem der Weg freigemacht für bestimmte Leistungen, für die richtige Behandlung und so weiter und so fort. Deswegen ist es hilfreich, tatsächlich. Aber was ich schwierig finde bei dieser Sache mit diesem ominösen Leidensdruck ist, dass es vielleicht auch gar nicht so leicht ist, den überhaupt zu erkennen. Und zwar gerade bei ADHS wegen zwei Sachen. Erstens, die meisten noch nicht diagnostizierten Erwachsenen haben sich schon viele, viele, viele Strategien erarbeitet, um sich anzupassen an ihre Umgebung, um ihre Neurodivergenz zu verbergen, also das, was man als Masking oder Maskieren bezeichnet. Darin werden Menschen schnell sehr gut. Und das trifft auch besonders auf weiblich sozialisierte Menschen zu. Wir hatten das Thema ja schon mal in einer anderen Folge, wie gesagt, weiblich sozialisierte Menschen neigen eben eher dazu, sich anzupassen und sich etwas mehr zurückzunehmen und nicht so nach außen zu agieren, weswegen es eben möglich ist, dass sie eher unter dem Radar bleiben. Das gleiche Problem kann aber auch Menschen mit ADS, ohne Hyperaktivität also, betreffen, die da auch eine gewisse Hürde haben, weil sie ja eben vielleicht weniger Feedback von außen bekommen in die Richtung, wie es Menschen mit Hyperaktivität bekommen. Und deswegen kann es einfach unterm Strich relativ schwierig sein, überhaupt für sich selbst einzuschätzen, wie stark der eigene Leidensdruck ist und dass da vielleicht so der Blick dann vielleicht ein bisschen draufgehen könnte, das ein bisschen für sich selbst zu sortieren. Genau. Und ja, der zweite Punkt, der das mit dem Leidensdruck ein bisschen schwerer zu erkennen macht, kann vielleicht die Sache sein, dass man eventuell schon in Behandlung war wegen anderer psychischer Erkrankungen und dort bereits Diagnosen erhalten hat, die auch schon hinreichend erklären, was Sache ist.

Helena: Das heißt, man denkt ja, man leidet derzeit unter Depressionen, aber nicht unter den Folgen von ADHS.

Janine: Genau. Manchmal ist es einfach schwer, das dann neu zu denken, auch für einen selbst, aber auch für die behandelnde Person. Weil es gibt ja eine Erklärung, die in dem Sinne zutreffend ist, aber es gibt eben auch einfach die Fälle, dass Menschen jahrelang wegen Depressionen behandelt werden, aber die Verbesserung nur sehr minimal ist. Und das vielleicht daran liegt, dass die Depression hier ein Symptom ist, einer nicht behandelten ADHS und die Ursache also eigentlich eine andere ist. Also da müsste der Fokus quasi dann, könnte der Fokus verschoben werden. Ja, das sind die zwei Faktoren, wie ich finde, die es überhaupt nicht einfach machen, so den eigenen Leidensdruck in Bezug auf ADHS überhaupt einzuschätzen und wo es vielleicht nötig ist, erstmal eine Menge Denkleistung rein zu investieren. Plus die Sache, es kann auch bis zu einem gewissen Grad wehtun, sich mit solchen Dingen auseinanderzusetzen.

Helena: Ja.

Was bedeutet ADHS als Risikofaktor? (00:43:28)

Helena: Apropos wehtun. Wie oft läuft man denn so ausversehen irgendwo gegen?

Janine: Ja, häufig.

Helena: Das ist doch auch so ein Ding, was man auf Social Media häufiger mal sieht von Menschen mit ADHS, dass sie Videos teilen, wie sie bei ihren normalen Wegen dann plötzlich irgendwo gegenlaufen, weil da plötzlich etwas steht, was sie nicht erwartet haben.

Janine: Ja, das passiert tatsächlich. Also mein Körperraumempfinden scheitert manchmal an Türrahmen, Türklinken, Kommoden und anderen Sachen, auch auf den Wegen, die ich täglich mache. Also ja, ich habe auch gerade erst wieder einen blauen Fleck entdeckt, von dem ich keine Ahnung habe, wo er herkommt.

Helena: Ja, aber blaue Flecken sind ja noch relativ harmlos.

Janine: Ja.

Helena: Es gibt ja auch nicht so harmlose Dinge.

Janine: Genau. Ja, ich hatte ja gesagt, ein zweiter Punkt bei der Frage, ist es sinnvoll oder warum könnte es gut sein, sich als erwachsene Person mit ADHS noch diagnostizieren zu lassen, wäre ADHS als Risikofaktor. Es wird tatsächlich von einigen Stellen schon beobachtet, angegeben und erfasst, dass ADHS im Allgemeinen, aber speziell auch unbehandeltes ADHS, ein Risikofaktor für eine ganze Reihe von Dingen ist. Eine Studie, die Helena oben schon erwähnt hat, wo es um diese 11 Prozent der US-amerikanischen Menschen ging, die im Erwachsenenalter eine Behandlung erfahren und die anderen, 89 Prozent, halt nicht, wurden auch Faktoren genannt, was denn eben nicht behandeltes ADHS an Risiken mit sich bringt. Und eines ist zum Beispiel Arbeitslosigkeit oder niedriges Einkommen, was meistens damit zusammenhängt, dass es vielleicht schwierig ist, sich in bestimmte Strukturen einzupassen. Dann werden auch Beziehungsprobleme genannt, die ein Risiko sind von ADHS. Hier wird nämlich eine höhere Rate von Scheidungen angegeben. Das ist jetzt so alles so auf der sozialen, vielleicht finanziellen Ebene, aber sie haben auch die gesundheitlichen Risiken genannt, wozu Substanzmissbrauch, Autounfälle und generell ein höheres Verletzungsrisiko kommen. Was, wenn ich mich jetzt richtig erinnere, insbesondere mit so Aspekten wie Impulskontrolle und Ablenkbarkeit zusammenfallen kann...

Helena: Mhm.

Janine: ... so speziell bei den Unfällen. Und eben, wie gerade auch schon angedeutet, gibt es ein erhöhtes Risiko, dann psychische Erkrankungen zu bekommen, wie eben Depressionen, Angststörungen und noch einige weitere, die da genannt wurden. Ja, das sind so grundsätzliche Risiken, die allgemein betrachtet werden. Auch zwei Forschende der Uni Augsburg haben im letzten Jahr dazu eine Veröffentlichung rausgebracht, ADHS als Risikofaktor für andere psychische Erkrankungen. Und da werden eben auch Zusammenhänge untersucht zwischen ADHS, posttraumatischer Belastungsstörung, Depressionen. Genau, also es wird unterschiedlich bewertet, aber zum Beispiel für posttraumatische Belastungsstörungen haben sie aus ihren Ergebnissen abgeleitet, dass es definitiv einen Zusammenhang gibt. Ja, und ansonsten, wer eine sehr ausführliche Auflistung sehen möchte, was da noch an Begleitstörungen auftreten können, dann wäre die Seite von ADHS Deutschland e.V., die wir auch verlinkt haben, die richtige Anlaufstelle. Die ist nämlich wirklich recht lang und ausführlich.

Helena: Mhm.

Janine: Ja, also so Meinungsbeitrag, ich denke, es dürfte den wenigsten schwerfallen, sich vorzustellen, dass je weniger etwas behandelt wird, desto höher das Risiko ist, dass eine bis mehrere Begleiterkrankungen einfach auftreten können. Also nur mal so als Vorstellung.

Helena: Ja, ja klar. Also ja.

Janine: Also eigentlich ist es ja unstrittig, aber natürlich wollen wir es auch gern belegt haben, aber da gibt es dann eben auch in den Studien immer wieder Hinweise zu. Und ja, eine weitere Sache sind verschiedene Schlafstörungen. Die sind ein ganz prominentes Beispiel, weil, na ja, auch da ist es natürlich leicht vorstellbar, wenn es einem Menschen überhaupt schwer fällt, zur Ruhe zu kommen, sowohl körperlich als auch geistig einfach mal eine Pause einzulegen. Der hat echt gute Voraussetzungen dafür, echt viel, also wenig und schlechten Schlaf zu bekommen.

Helena: Mhm.

Janine: Und das wiederum ist ein Risikofaktor für viele, viele andere Dinge im Alltag.

Helena: Mhm.

Janine: Also ja, gerade schlechter Schlaf wirkt sich auf extrem viele Sachen auf, unter anderem auch auf Aufmerksamkeit.

Helena: Überraschung.

Janine: Ja, ja, also es gibt viele sich verstärkende Aspekte, habe ich so gelernt.

Helena: Okay.

Janine: Und ja, je besser die Behandlung ist und die muss noch nicht mal medikamentös sein, es kann auch einfach sein, achtsamer mit sich umzugehen, so aus eigener Erfahrung, desto wahrscheinlicher ist es natürlich auch, dass die ganzen anderen negativen Effekte einfach weniger werden. So, wem das aber noch nicht reicht, der könnte vielleicht auch noch über die psychische Gesundheit, nein, nicht nur über die psychische, sondern auch über die körperliche Gesundheit nachdenken. Es wird nämlich tatsächlich auch gerade am Uniklinikum Würzburg untersucht, inwiefern Menschen mit ADHS ein erhöhtes Risiko für verschiedene körperliche Erkrankungen haben. Da gibt es die Studie mit dem Titel "Kardiovaskuläre Regulation bei ADHS". Sie untersuchen dort Herz-Kreislauf-Funktionen.

Helena: Mhm.

Janine: Und zwar ist ihr Ausgangspunkt, dass bereits beobachtet wurde, dass bestimmte körperliche Erkrankungen bei Menschen mit ADHS gehäuft vorkommen. Und als Beispiel werden hier Übergewicht und Asthma genannt, aber auch Bluthochdruck und Diabetes. Und weil das alles Dinge sind, die als Erkrankung für sich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen, soll das halt näher untersucht werden. Also den Zusammenhang zwischen ADHS und hier dem Herz-Kreislauf-System, weil das noch viel zu unklar ist, aber ein Zusammenhang vermutet wird.

Helena: Ja, aber du hattest ja noch eine Studie gefunden, die schon auch deutlich besagt, dass die Sterblichkeit aufgrund von verschiedenen Faktoren deutlich reduziert ist, wenn man Medikamente kriegt, wenn man ADHS hat. Also wenn es behandelt ist. Das war ja…

Janine: Genau. Und ich habe kurzfristig dann bei der Recherche noch einen Artikel gefunden, der eine Studie zusammenfasst, die sich damit beschäftigt, dass Menschen mit ADHS eine niedrigere Sterbensrate haben sollen, sobald sie Medikamente erhalten.

Helena: Aber nur bezogen auf unnatürliche Todesarten, also Unfälle und sowas.

Janine: Genau. Diese Studie stammt aus Schweden. Dort wurden Menschen beobachtet, die in den Jahren 2007 bis 2018 eine Diagnose erhalten hatten mit ADHS und zuvor keine Medikamente bekamen. Und dann wurde halt die Nachverfolgungszeit über zwei Jahre ausgedehnt bis zum Tod, falls dieser früher eintrat. Und gemessen wurde die zwei Jahres Gesamtmortalität in Abhängigkeit davon, ob die Patient*innen binnen drei Monaten nach der Diagnose Medikamente gegen ADHS erhielten oder nicht.

Helena: Ja. Und Schweden eignet sich eben für diese Art von Untersuchungen insofern besonders gut, als dass man dort von den dortigen Krankenkassen einfach alle Daten hat zur Verfügung. Und die erfassen dann eben, ob die eine solche Diagnose bekommen haben, ob sie Medikamente kriegen und was mit denen passiert. Sowas ist in Deutschland nicht zulässig, diese Art von Forschung. Ja, das ist auf jeden Fall ziemlich interessant. Jetzt weiß ich natürlich nicht, inwiefern diese kardiovaskulären Erkrankungen und so, wo du meintest, die sind schon gehäuft, ob die denn jetzt als natürlich oder unnatürlich eingesortiert wurden. Ich würde fast vermuten, das würde man eher als natürliche Todesursache einsortieren.

Janine: Vermutlich ja, ja.

Helena: Aber es ist auf jeden Fall schon ein nennenswerter Unterschied, gerade in Bezug auf einen Teil der Risikofaktoren, die du genannt hast, die ADHS darstellt.

Janine: Genau. Also was einfach ja sehr deutlich ist, dass ja noch durchaus einige Vorurteile oder sagen wir mal Stereotype über ADHS herrschen, die eben ein bestimmtes Bild vermitteln. Und ich habe erfahren, dass wenn ich mit Menschen darüber spreche, die sich mit dieser Thematik bisher noch nicht auseinandergesetzt haben und die die Frage stellen, ja, wo betrifft dich das denn in deinem Leben, dass diese Menschen doch meist sehr überrascht sind, wenn einfach die Bandbreite einmal klar wird, über die ADHS das Leben beeinflussen kann. Also, dass es einfach alle Bereiche des Lebens tangiert und eben nicht nur ist, dass man ja ein bisschen mehr Unruhe in sich hat und ein bisschen leichter Sachen vergisst oder mal schusselig ist.

Helena: Ja, aber gut, ich hoffe mal, dass wir zu dieser Folge dem ein bisschen entgegenwirken konnten und zeigen konnten, inwiefern das sehr viele Bereiche des Lebens betrifft, auch die, die man vielleicht nicht erwartet hätte.

Janine: Ja, also unterm Strich zu der Frage, ist es wichtig oder kann es wichtig sein, ADHS auch noch im Erwachsenenalter zu diagnostizieren, ist natürlich ja trotzdem eine individuelle Entscheidung am Ende. Aber es wird doch, auch wenn nicht überall die Zusammenhänge bis ins Detail geklärt sind, in verschiedenen Untersuchungen recht deutlich, dass ADHS viele Risiken mit sich bringt oder sie verstärken kann und dass die eben auf alle Ebenen sich ausdehnen können, auf soziale Ebenen, berufliche und damit eben auch finanzielle, als auch psychische und körperliche Gesundheit. Und das sind einfach Aspekte, die sich vorher vielleicht am Anfang nicht so ganz bewusst gemacht werden, wenn man so der Frage gegenübersteht, warum brauche ich eigentlich eine Diagnose, hat ja bisher in meinem Leben auch geklappt. Es kann halt helfen, Hilfe zu bekommen und anders mit sich selbst umzugehen, aber es kann auch Menschen geben, für die es tatsächlich einfach keinen Unterschied macht. Am Ende bleibt es eine individuelle Entscheidung, aber das fand ich so die wichtigsten Faktoren, denke ich, wenn man sich mit dieser Frage neu auseinandersetzt.

Fazit (00:53:51)

Helena: Ja, gut, kommen wir damit zum Fazit.

Janine: Ja.

Helena: Ja, zusammenfassend zum Thema dieser Folge möchte ich nochmal auf die Sachen hinweisen oder die nochmal wieder erwähnen, die mich jetzt besonders überrascht haben. Oder was heißt überrascht, die jetzt so wesentliche Erkenntnisse für mich sind. So zum einen, bei Kindern gibt es in Deutschland keinen Anstieg der Diagnosen bei ADHS und generell gibt es auch keinen Anstieg der Häufigkeit von ADHS. Es wird aber international häufiger diagnostiziert. Und was mich eben schon überrascht hatte, war die Erkenntnis, dass innerhalb von einer Schulklasse die jüngeren Kinder eher diagnostiziert werden, als die, die relativ älter sind als sie.

Janine: Ein anderer Teil des Fazits, es gibt halt noch Nachholbedarf in der Diagnostik, gerade in Deutschland, in bestimmten Personenkreisen. Also ja, dadurch, dass eben Mädchen wesentlich seltener diagnostiziert wurden, kann es natürlich auch sein, dass es einfach inzwischen mehr erwachsene Frauen gibt oder weiblich gelesene Personen, die eben noch keine Diagnose haben, aber vielleicht auch noch eine brauchen. Und dann wird sich ja auch noch zeigen, ob sich dann durch die geänderten Kriterien auch in Deutschland da noch etwas verändert und die Diagnostik nachzieht oder beziehungsweise die Zahlen der Diagnostizierten nachziehen. Ja, und eben die Frage, ob eine Diagnose überhaupt notwendig ist, die ist einfach, wie gesagt, sehr individuell, aber so Faktoren wie der eigene Leidensdruck oder Risiken, die damit einhergehen können, es nicht zu behandeln, behandeln zu lassen, ja, die sind auf jeden Fall wert, sich mal anzusehen. Und ja, das ist so mein Fazit eigentlich.

Nächste Folge: Wie Planeten entdeckt werden im Juli (00:55:43)

Helena: Ja, und in der nächsten Folge wollen wir dann über das Thema sprechen, wie werden eigentlich Planeten entdeckt. Wir wohnen ja auf einem Planeten auf der Erde und in unserem Sonnensystem wurden im Laufe der letzten Jahrhunderte durchaus auch einzelne Planeten entdeckt, aber die meisten Planeten, die heutzutage entdeckt werden, sind außerhalb unseres Sonnensystems, sodass man, selbst wenn man mit dem Teleskop draufguckt, sie eigentlich gar nicht sehen kann und trotzdem ist man sich sicher, dass sie da sind und wie man eben hier die Daten analysiert, das wollen wir in der nächsten Folge besprechen. Die erscheint im Juli.

Call to Action (00:56:20)

Janine: Und wenn ihr diese Folge auch nicht verpassen wollt oder unsere vorangegangenen Folgen auch noch nachhören möchtet, folgt uns doch gerne auf mastodon unter @datenleben@podcasts.social oder guckt auf unserer Webseite vorbei, www.datenleben.de, da könnt ihr uns auch gerne Feedback hinterlassen oder auch per Mail und wir freuen uns immer sehr über Kommentare zu unseren Folgen und auch zu Themenvorschlägen, wie zum Beispiel das Thema, wie Planeten entdeckt werden, was auch ein Vorschlag war. Ja, und falls euch unsere Arbeits- und Denkweise gefällt, könnt ihr uns auch buchen als Data Scientist für Analysen oder Projekte und uns grundsätzlich bei Fragen schreiben oder wenn ihr Dinge habt, die euch interessieren.

Helena: Ja, dann bleibt mir nur noch für eure Aufmerksamkeit zu danken und bis zum nächsten Mal. Ciao.

Janine: Tschüss.

Outro (00:57:09)

Deeplinks to Chapters

00:00:00.000 Intro
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00:02:36.577 Warum ist dieses Thema wichtig?
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00:03:11.913 Einspieler: Was beudetet "Leben mit ADHS"?
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00:06:05.299 Wird ADHS häufiger?
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00:16:50.007 Warum wird ADHS häufiger diagnostiziert?
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00:20:58.572 Inwiefern haben sich die Diagnosekriterien geändert?
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00:32:22.037 Ist es wichtig, dass ADHS auch später noch diagnostiziert wird?
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00:39:05.078 Welche Rolle spielt der Leidensdruck?
255
00:43:28.236 Was bedeutet ADHS als Risikofaktor?
255
00:53:51.317 3231.317425 Fazit
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00:55:42.861 3342.861693 Nächste Folge: Wie Planeten entdeckt werden im Juli
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00:56:19.685 3379.685144 Call to Action
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00:57:09.389 3429.389642 Outro
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