Sternengeschichten   /     Sternengeschichten Folge 532: Wie man das Leben auf der Erde ausrotten kann

Description

Ich w√ľrde mich freuen, wenn ihr den Podcast f√ľr den √Ė3-Podcast-Award nominiert: https://oe3.orf.at/podcastaward/stories/3030108/ Wie l√∂scht man das Leben auf der Erde aus? Das ist gar nicht so einfach, aber es lohnt sich, dar√ľber nachzudenken. Warum? Das erfahrt ihr in der neuen Folge der Sternengeschichten: https://astrodicticum-simplex.at/?p=36312 Wer den Podcast finanziell unterst√ľtzen m√∂chte, kann das hier tun: Mit PayPal (https://www.paypal.me/florianfreistetter), Patreon (https://www.patreon.com/sternengeschichten) oder Steady (https://steadyhq.com/sternengeschichten)

Subtitle
Kampf den Bärtierchen!
Duration
644
Publishing date
2023-02-03 06:00
Link
https://sternengeschichten.podigee.io/532-sternengeschichten-folge-532-wie-man-das-leben-auf-der-erde-ausrotten-kann
Contributors
  Florian Freistetter
author  
Enclosures
https://audio.podigee-cdn.net/1008300-m-0a12423f69e7eb2b6ded56f237f1d204.mp3?source=feed-scienceblogs
audio/mpeg

Shownotes

Kampf den Bärtierchen!

Sternengeschichten Folge 532: Wie man das Leben auf der Erde ausrotten kann

Ok, ich gebe zu, dass der Titel dieser Folge etwas pessimistisch klingt. Was ist das f√ľr ein komisches Thema; warum sollte man sich damit besch√§ftigen, wie man das Leben ausl√∂schen kann? So was kommt in irgendwelchen Comics vor, wo Superb√∂sewichte alles zerst√∂ren wollen. Aber die Wissenschaft hat doch hoffentlich besseres zu tun, als den Untergang der Welt zu planen? Hat sie nat√ľrlich, zum Beispiel die Suche nach Leben auf anderen Himmelsk√∂rpern. Aber genau deswegen muss man sich auch mit der Ausl√∂schung des Lebens besch√§ftigen. Das Problem bei der Suche nach au√üerirdischem Leben ist ja, dass wir keine Ahnung haben, wie vielversprechend die ganze Angelegenheit ist. Wir kennen genau einen Himmelsk√∂rper im Universum, auf dem definitiv Leben entstanden ist und das ist die Erde. Wir wissen zwar mittlerweile halbwegs gut, wie sich das Leben in den letzten paar Milliarden Jahren entwickelt hat. Wir haben aber immer noch kaum eine Ahnung, was dazu gef√ľhrt hat, DASS das Leben entstanden ist. Wir kennen nicht alle Voraussetzungen, die n√∂tig sind, damit aus unbelebter Chemie lebendige Biologie entstehen kann. Was nichts anderes bedeutet: Wir k√∂nnen nicht sagen, wie wahrscheinlich es ist, dass irgendwo Leben entsteht. Was aber eine durchaus relevante Information w√§re! Ebenso relevant ist aber auch das Gegenteil davon: Um zu wissen, wie wahrscheinlich es ist, dass man irgendwo Leben finden kann, m√ľssen wir nicht nur wissen, wie wahrscheinlich es ist, dass es entsteht, sondern auch, wie wahrscheinlich Leben wieder ausgel√∂scht wird.

Ich sage es zur Sicherheit noch einmal dazu: Es geht hier nicht um irgendwelche Science-Fiction-Szenarien. Ich rede nicht von intelligenten Aliens, die sich vielleicht durch irgendeinen Alien-Atomkrieg selbst ausl√∂schen oder so. Es geht ganz allgemein um Leben. Um irgendwelche Pflanzen, Mikroorganismen, und so weiter. Die f√ľhren nat√ľrlich keinen Atomkrieg und man muss sich andere Ursachen anschauen, wenn man wissen will, was sie ausl√∂schen k√∂nnte.

Menschen sind nicht sehr widerstandsf√§hig, zumindest wenn man sie mit anderen Lebewesen vergleicht. Ein paar Minuten ohne Sauerstoff; ein paar Minuten in kochendem Wasser; ein bisschen zu viel Druck und wir sind tot. Andere Tiere halten da wesentlich mehr aus. Zum Beispiel die B√§rtierchen - das sind keine B√§ren, sondern winzige Lebewesen, die h√∂chsten 1,5 Millimeter gro√ü werden. Sie leben quasi √ľberall wo es Wasser gibt oder es feucht genug ist. In den Meeren, in den Fl√ľssen und Seen, im Moos, auf Pflanzen, im Boden, und so weiter. Und sie sind z√§h! Man kann sie auf -272 Grad abk√ľhlen, also fast auf den absoluten Nullpunkt oder auf 150 Grad aufheizen und sie halten trotzdem noch durch, zumindest ein paar Minuten. Und wenn die Temperaturen nicht so extrem sind, dann tangiert sie das quasi gar nicht. Man kann sie dem extremen Druck am tiefsten Punkt des Ozeans aussetzen und sie kommen damit klar; ebenso wie den Bedingungen im Weltraum (zumindest einige Zeit lang). Man kann sie einer radioaktiven Strahlung aussetzen, die tausend mal st√§rker ist als die f√ľr Menschen t√∂dliche Dosis und sie halten das locker aus. Kurz gesagt: Wenn wir einen Weg finden, die B√§rtierchen auszurotten, dann haben wir mit ziemlicher Sicherheit auch einen Gro√üteil des restlichen Lebens auf der Erde ausgel√∂scht.

Im Prinzip gibt es drei Ph√§nomene, die ausreichend m√§chtig w√§ren, um das zu bewerkstelligen: Asteroideneinschl√§ge, Supernova-Explosionen und Gammablitze. Fangen wir mit den Asteroideneinschl√§gen an: Da reicht nat√ľrlich nicht irgendein Asteroid. Dass die durchaus in der Lage sein k√∂nnen, ein Massensterben zu verursachen, haben wir ja in der Vergangenheit oft genug gesehen. Die Dinosaurier sind die prominentesten Opfer, aber bei weitem nicht die einzigen. Aber selbst bei diesem Ereignis vor 65 Millionen Jahren haben die meisten Fische im Meer √ľberlebt. Und die B√§rtierchen haben damals vermutlich nicht mal mit der Wimper gezuckt (wenn sie denn Wimpern gehabt h√§tten). Man m√ľsste schon den gesamten Ozean zum Kochen bringen um sie in Bedr√§ngnis zu bringen. Aber das w√ľrde man prinzipiell hinkriegen k√∂nnen. Um die Temperatur der Meere um 1 Grad zu erh√∂hen, muss man gut 6 x 10 hoch 24 Joule in sie hineinstecken. Das ist sehr viel Energie; ungef√§hr ein 1/70 der Energie die unsere Sonne pro Sekunde erzeugt oder 11 mal so viel Energie wie der Einschlag des Asteroids freigesetzt hat, der damals die Dinos ausgerottet hat. Aber selbst dann hat man die Temperatur nur um ein Grad erh√∂ht. Wir brauchen hundert mal so viel! Man kann leicht ausrechnen, wie viel Masse ein Himmelsk√∂rper haben muss, damit seine Bewegungsenergie beim Einschlag ausreichend viel W√§rmeenergie freisetzt um die Ozeane zum Kochen zu bringen: circa 2 Trillionen Kilogramm.

Das klingt viel und ist auch viel. Aber wenn wir uns mal die Asteroiden im Asteroideng√ľrtel zwischen den Umlaufbahnen von Mars und Jupiter anschauen, dann finden wir einige, die das hinkriegen. Ceres, der gr√∂√üte Asteroid dort, hat zum Beispiel eine fast 500 mal gr√∂√üere Masse. Vesta und Pallas, die n√§chstgr√∂√üeren Asteroiden haben immer noch weit mehr als das hundertfache der Masse, die man braucht um die Ozeane zu verkochen. Insgesamt sind es gut 30 Asteroiden im Sonnensystem, die die Bedingung erf√ľllen. Dazu k√§men dann nat√ľrlich noch ein Schwung gro√üer Monde der Planeten und die Planeten selbst. Aber es ist definitiv nicht damit zu rechnen, dass ein anderer Planet auf der Erde einschl√§gt; genauso wenig wird ein Mond seinen Planeten verlassen und mit uns kollidieren. Und auch die ausreichend gro√üen Asteroiden bewegen sich alle auf stabilen Bahnen und sind f√ľr uns nicht gef√§hrlich. W√§re es anderes, dann w√§ren solche Kollisionen in den vergangenen Milliarden Jahren ja schon passiert.

Aber wir sehen, dass es zumindest prinzipiell m√∂glich ist: Es gibt Asteroiden, die ausreichend viel Masse haben, um bei einer Kollision die B√§rtierchen und alle anderen Tiere auszul√∂schen. Sehr wahrscheinlich ist es allerdings nicht. √úber die gesamte typische Lebensdauer eines Planeten gerechnet, liegt die Wahrscheinlichkeit f√ľr so ein Ereignis bei unter einem Hunderttausendstel.

Aber wie schaut es mit Gammablitzen und Supernova-Explosionen aus? In beiden F√§llen handelt es sich um das, was passiert wenn gro√üe Sterne am Ende ihres Lebens explodieren. Dabei wird sehr viel potenziell gef√§hrliche kosmische Strahlung frei und ganz besonders viel, wenn der explodierende Stern sehr gro√ü ist, weswegen man dann nicht mehr von einer Supernova, sondern einem Gammablitz spricht. Wenn diese Strahlung auf die Erde trifft, dann kann sie einerseits die Ozonschicht sch√§digen, was zu noch mehr Strahlung auf der Erde f√ľhrt, da diese Schicht eine Art Schutzschild vor der kosmischen Strahlung bildet. Gammablitze und Supernova-Explosionen k√∂nnen aber auch direkt Energie in die Ozeane √ľbertragen und sie erw√§rmen. Wasser bildet allerdings auch einen Schutz vor kosmischer Strahlung und man kann sie ausrechnen, wie viel Strahlung in einer gewissen Tiefe noch √ľbrig bleibt. Dann sieht man: Wenn man ausreichend viel Strahlung hat, um B√§rtierchen in einer bestimmten Meerestiefe durch diese Strahlung zu t√∂ten, dann muss die so energiereich sein, dass der Ozean dar√ľber allein dadurch dar√ľber schon weggekocht ist. Es reicht also, sich auch hier auf den Temperaturanstieg zu konzentrieren.

Eine Supernova, die ausreichend m√§chtig ist um die Ozeane zum Kochen zu bringen, m√ľsste auf jeden Fall n√§her als 0,13 Lichtjahre sein. Das w√§re quasi noch in unserem Sonnensystem; das entspricht der 8250fachen Distanz zwischen Sonne und Erde. Gut, es w√§re in den √§u√üersten Bereichen des Sonnensystems, aber es w√§re enorm nahe und wir wissen, dass da bei uns kein gro√üer Stern rumh√§ngt. Der uns n√§chstgelegene Stern ist Proxima Centauri, in 4 Lichtjahren Entfernung und der ist erstens viel zu klein, um als Supernova zu enden. Und selbst wenn Proxima ein gr√∂√üerer Stern w√§re, w√ľrde eine Supernova in dieser Entfernung bei uns gerade mal zu einem Temperaturanstiegt von 0,1 Grad in den Ozeanen f√ľhren.

Gammablitze sind deutlich energiereicher und wenn wir den schlechtesten Fall annehmen, also davon ausgehen, dass die gesamte Energie so einer Mega-Explosion in Richtung Erde strahlt, dann reicht schon ein Abstand von gut 45 Lichtjahren um die Meere zum Kochen zu bringen. Es wird aber nicht jeder Stern am Ende seines Lebens einen Gammablitz erzeugen; das tun wirklich nur die, die sehr, sehr groß sind. Und von denen gibt es nicht sehr viele. Die Wahrscheinlichkeit, dass so ein Gammablitz ausreichend nahe stattfindet und dabei die ganze Strahlung in Richtung der Erde gelangt ist enorm gering und liegt bei einem 10 Milliardstel.

Es ist also durchaus schwer, das ganze Leben auf einem Planeten auszul√∂schen. Und genaugenommen haben wir ja auch nicht vom gesamten Leben gesprochen, sondern nur vom tierischen Leben. Ok, die Pflanzen w√ľrden die beschriebenen Ereignisse auch nicht √ľberleben. Aber die Welt ist ja voll mit Mikroorganismen; mit Bakterien und so weiter und die k√∂nnen durchaus noch z√§her sein als die B√§rtierchen. Es gibt Mikroorganismen, die kilometertief im Gestein leben und vermutlich nicht mal dann Probleme kriegen, wenn man die gesamte Erdkruste aufschmelzen w√ľrde. Es w√ľrde dann vermutlich wieder ein paar Milliarden Jahre dauern, bis sich aus diesen √úberlebenden neue Tiere und Pflanzen entwickelt h√§tten. Aber sofern ma den Planeten nicht komplett zerst√∂rt und quasi zerbr√∂selt, wird man die Mikroorganismen nur schwer los werden.

Um Tiere und Pflanzen auszurotten muss man sich daf√ľr vermutlich nicht ganz so anstrengen. Ein gewaltiger Asteroid oder ein Gammablitz vor der Haust√ľr schaffen den Job zwar auf jeden Fall. Aber wenn man sich ein bisschen Zeit nimmt, dann geht es auch mit weniger Energie. Durch den menschengemachten Klimawandel sind wir ja gerade dabei, die Temperatur der Meere und der Atmosph√§re zu erh√∂hen. Wir werden es nat√ľrlich nicht schaffen, die Meere zum Kochen zu bringen. Aber es reicht auch schon ein deutlich geringerer Anstieg, um die komplexen √∂kologischen Netzwerke und Nahrungsketten durcheinander zu bringen. Und wenn das B√§rtierchen nix mehr zum Fressen findet, dann nutzt ihm seine Z√§higkeit auch nichts.

Wir k√∂nnen diese Folge also mit einem gemischten Fazit beenden. Es ist einerseits sehr unwahrscheinlich, dass ein einziges Ereignis das Leben auf der Erde ausl√∂scht. Wir sollten aber trotzdem sehr gut dar√ľber nachdenken, wie wir mit der Welt umgehen. Denn zumindest wir Menschen sind nicht so unverwundbar wie das B√§rtierchen.

Ich w√ľrde mich freuen, wenn ihr den Podcast f√ľr den √Ė3-Podcast-Award nominiert: https://oe3.orf.at/podcastaward/stories/3030108/