Sternengeschichten   /     Sternengeschichten Folge 533: Die Bauernastronomen der fr├╝hen Neuzeit

Description

Wer forscht muss nicht unbedingt aus einer gebildeten Familie kommen. Das zeigen die Geschichten der "Bauernastronomen" aus Sachsen und Tirol. Wer das war, erfahrt ihr in der neuen Folge der Sternengeschichten. Wer den Podcast finanziell unterst├╝tzen m├Âchte, kann das hier tun: Mit PayPal (https://www.paypal.me/florianfreistetter), Patreon (https://www.patreon.com/sternengeschichten) oder Steady (https://steadyhq.com/sternengeschichten)

Subtitle
Feldforschung aus Sachsen und Tirol
Duration
935
Publishing date
2023-02-10 06:00
Link
https://sternengeschichten.podigee.io/533-sternengeschichten-folge-533-die-bauernastronomen-der-fruhen-neuzeit
Contributors
  Florian Freistetter
author  
Enclosures
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Shownotes

Feldforschung aus Sachsen und Tirol

Sternengeschichten Folge 533: Die Bauernastronomen der fr├╝hen Neuzeit

Wer Astronomie betreiben will, muss daf├╝r an der Universit├Ąt studieren. Das ist richtig, denn immerhin ist die Astronomie eine ausgewachsene Naturwissenschaft. Man muss jede Menge mathematische und physikalische Grundlagen lernen; man muss all das verstehen lernen, was die Forscherinnen und Forscher in den letzten Jahrhunderten rausgefunden haben und erst dann kann man anfangen, eigene Beitr├Ąge zum astronomischen Wissen zu leisten. Aber die Astronomie ist eine spezielle Wissenschaft. Man kann den Himmel auch v├Âllig ohne wissenschaftlichen Anspruch beobachten, einfach nur weil es Spa├č macht. Und dabei, trotz allem, ab und zu auch der wissenschaftlichen Forschung helfen. Zum Beispiel wenn es darum geht, die Bahnen von Himmelsk├Ârpern wie Asteroiden und Kometen zu bestimmen. Je mehr Beobachtungen man hat, desto genauer ist die Bahnbestimmung und man braucht zwar schon ein wenig Ahnung und entsprechende Instrumente, kann aber Asteroiden und Kometen auch beobachten, ohne zuvor an der Uni studiert zu haben.

Dass man Wissenschaft ├╝berhaupt als echten Beruf betreiben kann, ist eine vergleichsweise neue Sache. Vor ein-, zweihundert Jahren war das nur etwas f├╝r Leute, sich keine Sorgen darum machen mussten, wie sie ihr Geld verdienen. Weil man entweder zum Beispiel sowieso in einem Kloster gelebt und keinen Bedarf an Geld gehabt hat. Oder weil man anderweitig reich genug war. Man konnte studieren und man konnte danach an einer Universit├Ąt arbeiten. Aber die Forschungsinfrastruktur die wir heute haben, war fr├╝her in der Form nicht vorhanden. Und deswegen gab es auch sehr unkonventionelle Wege zur Astronomie. Zum Beispiel die der sogenannten "Bauernastronomen". So wird eine Gruppe von Menschen genannt, die im 17. und 18. Jahrhundert astronomische Arbeit geleistet haben, obwohl sie Bauern waren.

Nat├╝rlich ist man nicht prinzipiell unf├Ąhig, den Himmel zu erforschen, nur weil man als Landwirt arbeitet. Aber im 17. und 18. Jahrhundert war es nicht immer einfach, an Bildung zu kommen. Wer nicht lesen oder schreiben konnte; wer nicht das Geld oder die entsprechenden Bekannten hatte, hatte wenig Chancen auf ein Studium und eine Karriere an der Universit├Ąt. Und wer aus einer Bauernfamilie stammte, wurde im Allgemeinen selbst ein Bauer und kein Astronom. Um so spannender sind die Lebensl├Ąufe der "Bauernastronomen".

Der erste, der so genannt wurde, ist Nikolaus Schmidt. Obwohl man dar├╝ber streiten kann, ob er wirklich "Bauernastronom" genannt werden sollte. Schmidt wurde 1606 im heutigen Th├╝ringen in Deutschland geboren, also zu einer Zeit, als die moderne Wissenschaft und die moderne Astronomie gerade erst entstanden. Johannes Kepler sollte sein ber├╝hmtes Werk "Astronomia Nova" erst 1609 ver├Âffentlichen; die revolution├Ąren Arbeiten von Galileo Galilei und Isaac Newton waren ebenfalls noch nicht erschienen. Teleskope zur Himmelsbeobachtung waren noch unbekannt. Und die Grenzen zwischen Astronomie und Astrologie damals sehr flie├čend. Nikolaus Schmidt jedenfalls war das Kind einer Bauernfamilie und hatte keine M├Âglichkeit, eine Schule zu besuchen. Ein Knecht auf dem Hof konnte aber lesen und schreiben und von ihm lernte Nikolaus - als Teenager - nicht nur ebenfalls lesen und schreiben sondern schnell auch Latein aus der Bibel. Durch seinen Onkel, der Schreiber war, kam er mit weiteren B├╝chern in anderen Sprachen in Kontakt, die er ebenfalls schnell lernte. Der junge Schmidt legte sich eine gro├če B├╝chersammlung zu und war insbesondere von der Astronomie fasziniert. Sterne und Planeten konnte er ja auch selbst beobachten, was er auch tat und dar├╝ber Aufzeichnungen anfertigte, wie ├╝ber das Wetter. 1633 wurde der Herzog im nahen Weimar auf Schmidt aufmerksam und dadurch F├╝rsten, Geistliche und andere einflussreiche und gelehrte Menschen. Sein im Selbststudium angesammeltes Wissen verwendete Schmidt vor allem um Kalender zu verfassen. Das mag aus heutiger Sicht nicht sonderlich wichtig klingen. Aber die Astronomie IST die Grundlage des Kalenders und im 17. Jahrhundert musste man die entsprechenden Daten mit dem n├Âtigen astronomischen und mathematischen Wissen berechnen. So ein Kalender war auch mehr als nur eine Auflistung der Tage eines Jahrs. Er enthielt Daten ├╝ber Auf- und Untergang des Mondes, die Mondphasen, die L├Ąnge des Tages, und so weiter - all das musste berechnet werden und das war die Arbeit eines Kalenderastronomen wie Schmidt. Und nat├╝rlich gab es dazu damals immer auch noch jede Menge astrologische Daten, Berechnungen und Prognosen. Jedes Jahr ver├Âffentlichte Schmidt einen neuen Kalender und nach seinem Tod ver├Âffentlichte sie sein Sohn weiter, bis weit in das 18. Jahrhundert hinein.

Schmidt starb 1671 - da war Christoph Arnold schon 21 Jahre alt. Auch er war der Sohn einer Bauernfamilie aus Sommerfeld bei Leipzig. Und so wie Schmidt war auch Arnold ein sehr wissbegieriges Kind, dass schon fr├╝h und schnell lesen und schreiben lernte. Seine Schulbildung war kurz, sein Selbststudium daf├╝r umso intensiver. Den Sternenhimmel konnte er bei seiner Arbeit auf den Feldern und Weiden gut beobachten. B├╝cher fand er im nahegelegenen Leipzig und dort lernte er auch Gottfried Kirch kennen, einen der f├╝hrenden deutschen Astronomen der damaligen Zeit. Von ihm lernte Arnold jede Menge, vor allem ├╝ber Kometen. 1680 war einer davon hell am Himmel ├╝ber Deutschland zu sehen; entdeckte hatte ihn Gottfried Kirch, aber auch Arnold beobachtete ihn von seiner kleinen Sternwarte, die er sich am elterlichen Hof eingerichtet hatte. Und nur wenig sp├Ąter, am 15. August 1682 entdeckte Arnold selbst einen Kometen. Acht Tage sp├Ąter wurde er auch vom ber├╝hmten Astronom Johannes Hevelius beobachtet und dass der Amateur Arnold fr├╝her dran war, hat die Aufmerksamkeit der damaligen Fachwelt auf ihn gelenkt. Arnold ver├Âffentlichte seine Beobachtungen des Kometen und auch wenn sich dann herausstellte, dass er doch nicht der erste war, der ihn gefunden hatte, war es sein Einstieg in die offizielle Welt der Astronomie. Und 1686 fand er dann - diesmal wirklich als erster in Europa - einen weiteren Kometen. Arnold beobachtete die Verfinsterungen der Jupitermonde, Doppelsterne, den Merkurdurchgang und als er 1695 mit nur 45 Jahren starb, war er ein durchaus angesehener Astronom.

Wir werden uns den Kometen aus dem Jahr 1682, ├╝ber den Arnold seine erste Arbeit geschrieben hat, noch genauer ansehen. Aber zuerst gehen wir ins Jahr 1715 in die N├Ąhe von Dresden. Dort, im Dorf Cossebaude, wurde Johann Ludewig geboren. Auch er war der Sohn einer Bauernfamilie, auch er war schon als Kind wi├čbegierung und "empfand einen gro├čen Appetit zum B├╝cherlesen", wie er selbst schrieb. Zuerst war er aber noch mit lesen besch├Ąftigt und Ludewig las alles, was er kriegen konnte. Religi├Âse B├╝cher, aber auch welche ├╝ber Astronomie und Philosophie. Und vor allem Mathe-B├╝cher. Denn Ludewig arbeitete nicht nur als Bauer, sondern auch als Steuereintreiber. Und damit er sich nicht dauernd zu seinen Ungunsten verrechnete, brachte er sich im Selbststudium neben seiner Arbeit auch noch die Mathematik bei: "Ich habe diese Lektionen unter all grobe Bauernarbeit einmischen m├╝ssen und nur hin und wieder eine Stunde oder etliche dazu anwenden k├Ânnen", schreibt Ludewig. Neben der Astronomie und Mathematik interessierte er sich auf f├╝r Philosophie und Logik und entwickelte daraus seine eigenen Gedanken ├╝ber den Aufbau der Welt. 1753 lernte er den Finanzbeamten und Privatgelehrten Christian Gotthold Hoffmann kennen, der so beeindruckt von Ludewigs Wissen war, dass er ihn dazu ermuntert hat, ein Buch ├╝ber sein Leben zu schreiben. Das tat Ludewig und er schrieb au├čerdem noch eine mathematisch-astronomische Analyse der Sonnenfinsternis die am 26. Oktober 1753 stattfand. Sp├Ąter schrieb er noch eine Abhandlung mit dem sch├Ânen Titel "Versuch, ob man behaupten k├Ânne, da├č zu einer wahren Gelehrsamkeit viel B├╝cherlesen eben nicht n├Âtig sey" in der er zu dem Schluss kam, dass man nicht unbedingt viele B├╝cher lesen muss, solange man die richtigen B├╝cher nur ordentlich genug liest. Alle drei Werke wurden 1756 unter dem Titel "Der gelehrte Bauer" zusammengefasst und als Buch ver├Âffentlicht.

Dieses Buch ├╝ber den au├čerordentlich gebildeten Bauer aus dem Dresdner Umland verbreitete sich in ganz Europa. In ├ľsterreich las es der damalige Direktor der Universit├Ątssternwarte Wien: Maximilian Hell - der nicht nur Astronom war, sondern auch Jesuit. Und als Katholik war es ihm gar nicht so recht, dass da ein s├Ąchsischer Bauer so prominent dargestellt wurde. Denn Ludewig kam aus einer protestantischen Gegend und wenn jemand von der ├ťberlegenheit der katholischen Bildung ├╝berzeugt war, dann die Jesuiten. Also ver├Âffentlichte Hell selbst ein kurzes Werk in seinem astronomischen Jahrbuch um auf die wissenschaftliche Leistung eines ├Âsterreichischen Bauern hinzuweisen, der aus dem eindeutig katholischen Tirol stammte. Das war Peter Anich, geboren am 22. Februar 1723 in Oberperfuss in der N├Ąhe von Innsbruck. Wie die bisher beschriebenen Bauerns├Âhne bekam auch Anich wenig organisierte Bildung. Aber er lernte ein bisschen was vom ├Ârtlichen Pfarrer, er war fasziniert von den Sternen und von seinem Vater bekam er diverse handwerkliche Kenntnisse vermittelt. Im Selbstudium brachte er sich bei, wie man eine Sonnenuhr baut und die entsprechenden mathematischen Berechnungen daf├╝r durchf├╝hrt. Solche Uhren waren auch im 18. Jahrhundert noch relevant, denn es gab zwar Kirchturmuhren, die aber regelm├Ą├čig neu justiert werden musste und daf├╝r brauchte man eine m├Âglichst genaue Sonnenuhr als Basis. 1751 wollte Anich es dann genau wissen und ging nach Innsbruck zu Ignaz Weinhart, Jesuit und damals Professor f├╝r Mathematik und Physik an der Universit├Ąt. Weinhart gab Anich Privatunterricht f├╝r den der Bauer an seinen freien Tagen zu Fu├č nach Innsbruck gehen musste; ein mehrst├╝ndiger Marsch in jede Richtung. Am Ende seiner Ausbildung sollte Anich f├╝r Weinhart einen Himmelsglobus bauen. Mit seinem astronomisch-mathematisch Wissen f├╝hrte Anich die n├Âtigen Berechnungen durch um insgesamt 1827 Sterne korrekt darstellen zu k├Ânnen. Dank seinem Wissen ├╝ber Uhren und Mechanik konnte er ein Uhrwerk einbauen, dass den Globus analog zum realen Himmel drehen lie├č und das von seinem Vater erlernte Drechslerhandwerk war die Grundlage f├╝r den Bau des Globus aus Holz. Das St├╝ck erregte Aufmerksamkeit; Anich baute weitere Globen und Messinstrumente und begann auch sich mit Kartografie zu besch├Ąftigen. Professor Weinhart regte beim kaiserlichen Hof an, dass man Anich mit der Erstellung einer Karte von Tirol beauftragen sollte. Was auch geschah und f├╝nf Jahre lang zog Anich durch das ganze Land um alles genau zu vermessen. Er entwickelte die damaligen kartografischen Verfahren weiter und da er als Bauer auch einen guten Kontakt zu den Menschen hatte, konnte er jede Menge Namen von Bergen, D├Ârfern, und anderen geografischen Objekten in seine Karte aufnehmen, die bis dahin noch nicht offiziell erfasst worden waren. Der "Atlas Tyrolensis" wurde erst 1770, vier Jahre nach Anichs Tod ver├Âffentlicht, mit Hilfe von Anichs Sch├╝ler und Nachfolger Blasius Hueber, ebenfalls Kind einer Bauernfamilie. Der Atlas von Tirol galt damals als die "bedeutendste angesehene und international bekannteste ├Âsterreichische Karte". Sie ist fast f├╝nf Quadratmeter gro├č, im Ma├čstab 1: 103.800. Sie ist heute noch von Bedeutung, zum Beispiel f├╝r die Gletscherforschung, da Anich die Ausdehnung der Gletscher sehr genau eingezeichnet hat, aber auch f├╝r die Erforschung historischer Ortsnamen.

Gehen wir wieder zur├╝ck nach Sachsen. Dort wurde, in Tolkewitz bei Dresden, im Jahr 1705 Christian G├Ąrtner geboren. Er war kein Bauer, sondern Sohn eines Zwirnh├Ąndlers; ein Beruf in dem er sp├Ąter selbst arbeitete. Dabei kam er immer wieder auch nach Leipzig, wo er Buchh├Ąndler, Studenten und vor allem Mechaniker traf. Von ihnen lernte er das Schleifen von Linsen und konnte jetzt endlich selbst Fernrohre bauen und der Leidenschaft nachgehen, die ihn seit seiner Kindheit fasziniert hatte: Die Beobachtung des Himmels. Er machte sich einen Namen als jemand, der Teleskope bauen konnte und Ahnung vom Himmel hatte; baute sich seine eigenen Sternwarte und wurde vom F├╝rsten in Dresden gebeten, eine Sternwarte zu bauen. Und vor allem war er Lehrer und F├Ârderer von Johann Georg Palitzsch. Der war wieder ein Sohn aus einer Bauernfamilie und wurde ebenfalls in der N├Ąhe von Dresden geboren. Und so wie alle anderen die bisher erw├Ąhnt wurden, als Kind an der Wissenschaft interessiert. Astronomie und Physik brachte er sich selbst bei; bis er Christian G├Ąrtner kennenlernte. Dort konnte er das erste Mal durch ein Teleskop schauen; bei ihm fand er auch die Kontakte zur Dresdner Gelehrtenwelt. Palitzsch war oft zu Gast im "Mathematisch-Physikalischen-Salon", traf andere Forscher und erfuhr dort auch von der Arbeit des Engl├Ąnders Edmond Halley. Der Zeitgenosse und Freund von Isaac Newton nutzte dessen neue Theorie der Gravitation um diverse Kometenbeobachtungen zu untersuchen. Und fand dabei heraus, dass viele Kometen, die man f├╝r unterschiedlich hielt, in Wahrheit wiederholte Sichtungen von dem selben Objekt sind, dass sich auf einer regelm├Ą├čigen Umlaufbahn um die Sonne befindet. Das letzte Mal war dieser Komet 1682 in der N├Ąhe der Erde, es war genau das Objekt, dass damals Christian Arnold beobachtet hatte. Und Halley sagte die Wiederkehr dieses Kometen f├╝r das Jahr 1758 voraus. Halley selbst starb schon 1742, aber die Welt der Astronomie war gespannt: W├╝rde der Komet wirklich zum vorhergesagten Zeitpunkt kommen? Und vor allem: Wer w├╝rde ihn als erster sehen? Es war keiner der professionellen Astronomen an den gro├čen Sternwarten der Welt. Sondern der s├Ąchsische Bauernastronom Johann Georg Palitzsch, der mit dieser Beobachtung in ganz Europa ber├╝hmt wurde.

Die Geschichten dieser Astronomen zeigen vor allem eines: Wenn man wirklich von den Sternen fasziniert ist, dann findet man auch einen Weg, sich damit zu besch├Ąftigen. Wenn man aus einem bildungsfernen Umfeld stammt, ist es zwar ein wenig schwerer. Am Ende findet man seinen Weg zu den Sternen.