Sternengeschichten   /     Sternengeschichten Folge 536: Der Komet Shoemaker-Levy 9

Description

Am 16. Juli 1994 ist der Komet Shoemaker-Levy 9 mit dem Jupiter zusammengesto├čen. So ein gewaltiges Ereignis haben wir noch nie vorher beobachtet. Was man da gesehen hat erfahrt ihr in der neuen Folge der Sternengeschichten. Wer den Podcast finanziell unterst├╝tzen m├Âchte, kann das hier tun: Mit PayPal (https://www.paypal.me/florianfreistetter), Patreon (https://www.patreon.com/sternengeschichten) oder Steady (https://steadyhq.com/sternengeschichten)

Subtitle
Einschlag der Perlenkette
Duration
728
Publishing date
2023-03-03 06:00
Link
https://sternengeschichten.podigee.io/536-sternengeschichten-folge-536-der-komet-shoemaker-levy-9
Contributors
  Florian Freistetter
author  
Enclosures
https://audio.podigee-cdn.net/1035455-m-492a0426fa1602b70638981388d4562c.mp3?source=feed-scienceblogs
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Shownotes

Einschlag der Perlenkette

**Sternengeschichten Folge 536: Der Komet Shoemaker-Levy 9 **

Am 23. M├Ąrz 1993 beobachtete das Ehepaar Carolyn und Eugene Shoemaker gemeinsam mit ihrem Kollegen David Levy von der Mount Palomar Sternwarte aus den Himmel. Sie arbeiteten am damals kleinsten der vier dortigen Teleskope, einem kleinen Spiegelteleskop, das aber ein sehr gro├čes Gesichtsfeld hat, was ideal ist, wenn man einen gro├čen Bereich des Himmels auf einmal sehen m├Âchte.

Das Wetter in dieser Nacht war nicht optimal f├╝r Beobachtungen; es war st├╝rmisch und Wolken zogen auf. Aber ein Teil des Himmels war noch wolkenfrei; der, wo sich auch Jupiter damals gerade befand. Die drei machten ein paar Aufnahmen; damals noch digital auf Film, bevor auch hier die Wolken eine weitere Beobachtung unm├Âglich machten.

Die Shoemakers und Levy waren auf der Suche nach Asteroiden und Kometen. Wenn man die finden will, muss man die selbe Region des Himmels zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten beobachten und die Bilder dann vergleichen. Ein Komet oder Asteroid bewegt sich im Vergleich zu den fernen Sternen auch in ein paar Stunden schon me├čbar und wenn man einen Lichtpunkt findet, der seine Position von einem Bild zum n├Ąchsten ver├Ąndert hat, hat man eine gute Chance, dass es sich um einen Asteroid oder Kometen handelt.

Carolyn Shoemaker kam aber erst zwei Tage sp├Ąter dazu, die Bilder zu sichten. Dann wurde sie aber f├╝ndig. Mit dem Satz "Ich wei├č nicht, was es ist, aber es sieht aus wie ein zerquetschter Komet." hat sie ihre Entdeckung verk├╝ndet. Kometen sind ja eigentlich recht kleine Objekte. Sie bestehen aus einer Mischung von Eis und Gestein und sind h├Âchstens ein paar Kilometer gro├č und normalerweise w├╝rde man so winzige Dinger so gut wie gar nicht entdecken k├Ânnen. Aber wenn ein Komet der Sonne nahe genug kommt, dann erw├Ąrmt er sich, ein Teil des Eises wird gasf├Ârmig, dehnt sich aus und entweicht ins All. Dabei wird auch Gesteinsstaub mitgerissen, der eine H├╝lle um das Objekt herum bildet. Diese H├╝lle, die "Koma", kann sehr, sehr gro├č werden, viele tausend Kilometer gro├č. Und weil der Staub das Sonnenlicht reflektiert, ist ein Komet - oder besser gesagt die Koma des Kometen - sehr gut zu sehen. Au├čerdem wird ein Teil des Staubs durch den Sonnenwind davon gerissen und bildet den noch l├Ąngeren Kometenschweif. In diesem Fall sah Carolyn Shoemaker aber nicht eine Koma und einen Schweif, sondern eine komische Mischung aus einander ├╝berlappenden Komas und Schweifen.

Der neu entdeckte Komet war definitiv einen zweiten Blick wert. Zuerst aber wurde der Fund offiziell bekannt gegeben und der Himmelsk├Ârper bekam seinen offiziellen Namen. Wie bei Kometen ├╝blich, wird der Name aus den Nachnamen der Personen gebildet, die ihn entdeckt haben. In diesem Fall Shoemaker-Levy 9 - weil die Shoemakers und David Levy sehr gut darin waren, Kometen zu entdecken und gemeinsam zuvor schon acht andere gefunden hatten. Aber keiner war so au├čergew├Âhnlich wie Nummer 9.

Zuerst einmal stellte man fest, dass Shoemaker-Levy 9 die Sonne gar nicht direkt umrundet. Der Komet befindet sich in einer Umlaufbahn um den Planeten Jupiter, wie ein kleiner Mond. Berechnungen seiner Bahn haben au├čerdem gezeigt, dass der Komet im Jahr zuvor, am 7. Juli 1992 in nur knapp 40.000 Kilometer Abstand an Jupiters Wolkendecke vorbei geflogen ist. Dabei m├╝ssen enorme Gezeitenkr├Ąfte auf den Kometen gewirkt haben, die den Kern in mehrere St├╝cke auseinander gerissen haben. So ist der "zerquetschte Komet" entstanden, den Carolyn Shoemaker auf ihrer Fotografie beobachtet hatte.

Ein Komet, der Jupiter umkreist und das durch die Gezeitenkraft des Riesenplaneten nicht mehr am St├╝ck sondern als Tr├╝mmerhaufen: Das alleine w├Ąre schon au├čergew├Âhnlich. Aber das war noch nicht alles! Zwei Monate nach der Entdeckung, am 22. Mai 1993, schickte Brian Marsden vom Minor Planet Center der Internationalen Astronomischen Union eine seiner ├╝blichen Kurzmitteilungen in die Welt hinaus. Das Minor Planet Center ist die offizielle Anlaufstelle f├╝r alles was mit Kometen und Asteroiden zu tun hat. Dort werden alle Beobachtungsdaten gesammelt; dort werden Entdeckungen best├Ątigt, von dort aus wird mitgeteilt, welche Objekte noch ein paar mehr Beobachtungsdaten vertragen k├Ânnten, um ihre Bahn genauer zu bestimmen, und so weiter. In diesem Fall begann die Mitteilung mit der Feststellung, dass man in den letzten 2 Monaten schon knapp 200 Beobachtungen von Shoemaker-Levy-9 gesammelt hatte. Dann wurde noch einmal best├Ątigt, dass der Komet im Juli 1992 extrem knapp an Jupiter vorbei geflogen ist. Und dass es eine weitere sehr nahe Begegnung im Juli 1994 geben wird. Der Abstand zum Mittelpunkt von Jupiter wird dabei knapp 45.000 Kilometer betragen. Der Planet hat allerdings einen Radius von knapp 70.000 Kilometer. Oder anderes gesagt: Der Komet Shoemaker-Levy-9 wird mit Jupiter kollidieren.

Und DAS war eine wirkliche Sensation. Wir wissen nat├╝rlich, dass immer wieder Asteroiden und Kometen mit anderen Himmelsk├Ârpern kollidieren. Das wusste man auch schon 1993. Aber einerseits war dieses Wissen noch vergleichsweise neu. Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts und unter anderem ma├čgeblich durch die Arbeit von Eugene Shoemaker setzte sich damals die Erkenntnis durch, dass gro├če Einschl├Ąge nichts sind, was nur in der fernen Vergangenheit des Sonnensystems passiert ist, sondern heute immer noch stattfinden kann. Und zweitens konnte man bis damals noch nie live zusehen, wie zwei Himmelsk├Ârper kollidieren.

Und was genau passiert wenn ein Komet in die gewaltigen Gasmassen eines Riesenplaneten wie Jupiter eindringt, wusste damals auch niemand genau. Es k├Ânnte sein, dass das Ding einfach durch die atmosph├Ąrischen Schichten des Jupiters rauscht und quasi spurlos verschluckt wird. Oder aber es wird, zumindest kurzfristig, ein Loch in die Atmosph├Ąre des Planeten gerissen und wenn der Komet dann unter dem Druck der tiefer liegenden Gasschichten zerissen wird und explodiert, wird jede Menge Gas hinaus ins All geschleudert. Das Problem: Anfangs sah es so aus, als w├╝rden wir nichts davon mitbekommen, egal was passiert. Denn die Berechnungen zeigten, dass der Einschlag am 16. Juli 1994 mitten auf der erdabgewandten Seite des Jupiters passieren sollte. Und man konnte in der kurzen Zeit nicht mal eben ein Teleskop hinter den Jupiter fliegen. Immerhin: Die Raumsonde Galileo war damals gerade schon auf dem Weg zum Jupiter und hatte von ihrer damaligen Position im Asteroideng├╝rtel freie Sicht auf das Spektakel.

Zuerst passierte aber noch etwas anderes: Der zerquetschte Komet verwandelte sich in eine Perlenkette. Die Brocken im zertr├╝mmerten Kern des Kometen bewegten sich zwar alle in die selbe Richtung. Aber bei der Ann├Ąherung an Jupiter wirkten wieder die Gezeitenkr├Ąfte. Die Tr├╝mmer, die ein bisschen n├Ąher an Jupiter waren, sp├╝rten eine st├Ąrkere Anziehungskraft als die, die weiter weg waren. Der Tr├╝mmerkern zog sich immer weiter auseinander, bis die St├╝cke wie an einer Kette aufgereiht durchs All Richtung Jupiter flogen. Es w├╝rde also nicht nur eine Kollision geben, sonderen mehrere, ├╝ber mehrere Tage hinweg. Und dann zeigten neue Berechnungen, dass die ersten Treffer zwar immer noch auf der erdabgewandten Seite stattfinden w├╝rden. Aber immerhin an einer Stelle, die durch die Rotation des Jupiter schnell in unser Sichtfeld gedreht werden w├╝rde. Den Impakt selbst w├╝rde man also nicht direkt sehen k├Ânnen, aber wir w├╝rden sehr schnell sehen, welche Spuren der Komet hinterlassen hat.

Das erste Fragment von Shoemaker-Levy 9 traf am Abend des 16. Juli 1994 mit einer Geschwindigkeit von 60 Kilometer pro Sekunde auf den Jupiter. Die Raumsonde Galileo konnte einen Feuerball beobachten, der eine Temperatur von fast 24.000 Grad Celsius hatte und sich fast 3000 Kilometer ├╝ber die Wolkendecke von Jupiter erhob. Fast alle gro├čen Teleskope auf der Erde und auch das Hubble-Weltraumteleskop waren auf den Jupiter gerichtet. Als dann endlich der Einschlagsort ins Bild kam, sah man einen dunklen Fleck in der Atmosph├Ąre des Riesenplanet. Einen Fleck, der gr├Â├čer als die Erde war. Das war nat├╝rlich kein Einschlagskrater, so etwas gibt es bei einem Gasplaneten nicht. Was man stattdessen gesehen hatte, war Gas aus den tieferen Schichten des Jupiters, das durch den Einschlag an die Oberfl├Ąche gelangt ist. Vor allem Schwefel und Schwefelkohlenstoff. Auch die anderen Kometentr├╝mmer, die in den n├Ąchsten Tagen einschlugen, hinterlie├čen Spuren - die man teilweise noch viel l├Ąnger beobachten konnte. Und sogar 2010, fast 20 Jahre nach dem Einschlag, konnten Astronominnen und Astronomen noch Spuren des Einschlags nachweisen. Damals wurde das Herschel-Weltraumteleskop benutzt um den Jupiter zu beobachten. Herschel ist ein Infrarotteleskop und in der Lage, die Existenz von bestimmten Molek├╝len nachzuweisen, zum Beispiel Wasser. Das fand man bei Jupiter, aber es war auf eine Weise in seinen ├Ąu├čeren Atmosph├Ąrenschichten verteilt, die sehr ungew├Âhnlich war, wenn man davon ausgeht, dass es sich um Wasser handelt, das immer schon Teil von Jupiters Atmosph├Ąre war. Viel besser lie├čen sich die Beobachtungen erkl├Ąren wenn man davon ausgeht, dass es Wasser ist, das aus dem Kometenkern von Shoemaker-Levy 9 stammt.

1994 war das erste Mal, dass wir einen Kometeneinschlag beobachten konnten. Aber es war nicht das letzte Mal. Im Juli 2009 beobachtete man einen dunklen Fleck auf Jupiter, genau so wie damals die Spuren von Shoemaker-Levy 9. Den Einschlag selbst hat offensichtlich niemand mitbekommen, aber es muss ein kleiner Asteroid oder Komet gewesen sein, der da ein weiteres Mal auf Jupiter gefallen ist. Mittlerweile sind viel mehr Raumsonden unterwegs und auch viel mehr Teleskope auf der Erde und im Weltraum auf den Himmel gerichtet und deswegen bekommen wir auch mehr solcher Ereignisse mit. Aus den vorhandenen Daten sch├Ątzt man, dass es zwischen 10 und 65 Einschl├Ąge kleinerer Objekte auf Jupiter pro Jahr gibt, also Asteroiden die zwischen 5 und 20 Meter gro├č sind. Die gr├Â├čeren Objekte, die sichtbare Spuren in der Atmosph├Ąre hinterlassen, treffen den Jupiter alle 2 bis 12 Jahre. So gro├če Dinger wie Shoemaker-Levy 9 treffen den Jupiter aber nur einmal in ein paar Jahrzehnten oder Jahrhunderten. Wir haben gro├čes Gl├╝ck gehabt, dass wir damals live dabei zusehen konnte - noch dazu aus sicherer Entfernung!