Sternengeschichten   /     Sternengeschichten Folge 555: Die Geschichte des Einsteinrings

Description

Als 1936 ein Elektrotechniker zu Albert Einstein kam und mit ihm √ľber eine besondere Entdeckung sprechen wollte, war der Physiker nicht so begeistert. Es ging um "Lichtringe" von Sternen, die heute aber trotzdem eine wichtige Rolle in der Astronomie spielen. Mehr erfahrt ihr in der neuen Folge der Sternengeschichten. Wer den Podcast finanziell unterst√ľtzen m√∂chte, kann das hier tun: Mit PayPal (https://www.paypal.me/florianfreistetter), Patreon (https://www.patreon.com/sternengeschichten) oder Steady (https://steadyhq.com/sternengeschichten)

Subtitle
Manchmal haben die Spinner doch recht
Duration
750
Publishing date
2023-07-14 05:00
Link
https://sternengeschichten.podigee.io/555-sternengeschichten-folge-555-die-geschichte-des-einsteinrings
Contributors
  Florian Freistetter
author  
Enclosures
https://audio.podigee-cdn.net/1144540-m-b11e407cec344adb1dedda9efe949f75.mp3?source=feed-scienceblogs
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Shownotes

Manchmal haben die Spinner doch recht

Sternengeschichten Folge 555: Die Geschichte des Einsteinrings

Wer an der Universität im Bereich Astronomie, Kosmologie oder theoretische Physik forscht, wird diese Situation kennen: Man bekommt eine Nachricht von einer Person, die selbst nicht in diesen Forschungsbereichen tätig ist, sondern zum Beispiel Ingenieurswissenschaften, Elektrotechnik, etwas ganz anderes oder auch gar nichts studiert hat. Trotzdem ist diese Person der Meinung, sie hätte etwas Bedeutsames entdeckt und bittet nun darum, die eigene Arbeit zu beurteilen und idealerweise auch bei der Veröffentlichung dieser Arbeit zu helfen.

Mir jedenfalls ist das sehr oft passiert und auch meinen Kolleginnen und Kollegen. Meistens geht es darum, dass jemand meint, er oder sie hätte die Relativitätstheorie widerlegt, oder eine neue Idee, wie das Universum entstanden ist, woraus die Materie besteht, die Weltformel, die alles erklären kann gefunden, und so weiter. Und in allen Fällen, zumindest denen die ich bisher erlebt habe, handelt es sich um eine Idee, bei der man schnell zeigen kann, dass sie falsch ist.

Im Fr√ľhjahr 1936 beginnt eine Geschichte, die anfangs genau so aussieht wie das, was ich gerade erz√§hlt habe. Aber ganz anders endet. In diesem Jahr kam Rudi Mandl in das Geb√§ude der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Washington um dort den "Science Service" zu besuchen, eine Institution die sich mit der Popularisierung von Wissenschaft besch√§ftigt. Mandl wollte Hilfe bei der Publikation einer Idee, die er hatte und die mit Albert Einsteins Relativit√§tstheorie zu tun hat. Rudi Mandl war allerdings selbst kein Wissenschaftler. Er kam aus Tschechien, hatte in Wien Elektrotechnik studiert, danach aber nicht in der Forschung gearbeitet und wanderte in die USA aus. Das, was er meinte entdeckt zu haben, sah auf den ersten Blick nicht v√∂llig unseri√∂s aus. Deswegen (oder weil sie ihn schnell los werden wollten?) schlugen die Leute vom Science Service vor, dass er seine Idee doch mit dem unbestreitbaren Experten f√ľr die Relativit√§tstheorie besprechen sollte: Albert Einstein selbst. Und sie gaben ihm ein Empfehlungsschreiben und sogar ein bisschen Geld f√ľr den Trip nach Princeton, wo Einstein lebte und arbeitete.

Bevor wir uns anschauen, wie Einstein darauf reagiert hat, sollten wir uns aber Mandls Idee noch ein wenig genauer ansehen. Die Grundlage der Allgemeinen Relativit√§tstheorie habe ich ja schon √∂fter besprochen. Einstein hat festgestellt, dass der Raum nicht einfach nur eine unver√§nderbare B√ľhne ist; ein Hintergrund, auf dem sich die Dinge im Universum abspielen. Sondern dass der Raum, beziehungsweise genauer: die Raumzeit, selbst ein Ding ist, mit Eigenschaften die sich ver√§ndern k√∂nnen. Insbesondere hat Einstein festgestellt, dass der Raum gekr√ľmmt sein kann und das Objekte bei ihrer Bewegung durch den Raum dieser Kr√ľmmung folgen m√ľssen. Gekr√ľmmt werden kann der Raum durch die Anwesenheit von Masse und damit hatte Einstein eine neue Erkl√§rung f√ľr das Ph√§nomen der Gravitation gefunden: Masse kr√ľmmt den Raum und Objekte die sich in der N√§he einer Masse bewegen, werden durch diese Kr√ľmmung bei ihrer Bewegung abgelenkt. Genau so, als w√ľrde eine Kraft auf sie wirken; eine Kraft, die man als Gravitationskraft bezeichnet.

Das war 1936 alles schon l√§ngst durch Beobachtungen best√§tigt und Einstein der weltber√ľhmte Wissenschaftler, als den wir ihn heute in Erinnerung haben. Mandl hatte aber eine andere Idee: Wenn Licht der Kr√ľmmung des Raums folgt, dann kann der Raum ja quasi wie eine optische Linse aus Glas wirken. Und genau so, wie eine solche Linse das Licht zum Beispiel verst√§rken kann, oder ein Bild verzerren kann, sollte das auch ein passend gekr√ľmmter Raum k√∂nnen. Was w√§re zum Beispiel, wenn man das Licht eines Sterns betrachtet, der von uns aus gesehen genau hinter einem anderen Stern steht? Der vordere Stern kr√ľmmt den Raum und damit wird auch das Licht des hinteren Sterns um ihn herum gebogen. Wir sollten also den vorderen Stern sehen, und um ihn herum einen Kreis aus Licht, der das verzerrte Bild des hinteren Sterns ist.

Das war Mandls Idee, die er Einstein vorstellen wollte, was er am 17. April 1936 auch getan hat. Einstein h√∂rte sich die Sache freundlich an; sie machten gemeinsam ein paar Berechnungen und dann fuhr Mandl wieder nach Hause. Er schrieb aber weiter an Einstein und dr√§ngte ihn, die Sache auch in einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu ver√∂ffentlich. Wovon Einstein allerdings nicht so begeistert war. Einerseits, weil Mandl nicht einfach nur die Idee zu der ringf√∂rmigen Verzerrung des Sternenlichts hatte. Seine Gedanken gingen weit dar√ľber hinaus; er stellte sich zum Beispiel vor, dass solche Raumkr√ľmmungslinsen auch die √ľberall im Weltall befindliche kosmische Strahlung auf die Erde fokusieren k√∂nnten, und dass sie das auch in der Vergangenheit immer wieder getan haben. Dabei w√§ren durch die vermehrt auftreffende Strahlung Mutationen in den Lebewesen ausgel√∂st und die Evolution angetrieben worden. Mandl sah seine Idee als Ausgangspunkt einer umfassenden Neubewertung der Entstehung des Lebens; er war der Meinung, dass seine Lichtringe schon bei diversen astronomischen Beobachtungen gesehen worden w√§ren, nur h√§tte man das nicht erkannt, und so weiter. Es ist verst√§ndlich, dass Einstein da eher skeptisch war. Au√üerdem, und das war der viel wichtigere Punkt, hatte Einstein bei seinen Rechnungen mit Mandl gezeigt, dass der Effekt quasi unbeobachtbar w√§re. Das zu einem Ring verzerrte Licht eines Hintergrundsterns w√§re nicht beobachtbare. Der Ring w√§re so winzig, dass er mit den Teleskopen der damaligen Zeit nicht gesehen werde k√∂nnte und auch nicht mit Teleskopen, die aus damaliger Sicht in absehbarer Zukunft gebaut werden k√∂nnten.

Mandl h√∂rte aber nicht auf, Einstein um Publikation zu bitten (und gleichzeitig auch jeder Menge anderer Wissenschaftler in der Angelegenheit zu schreiben). Er wandte sich auch wieder an den Science Service der Akademie der Wissenschaft und am Ende gab Einstein nach. Am 4. Dezember 1936 schrieb er eine kurze Notiz in der Fachzeitschrift "Science", mit dem Titel "Lens-like Action of a Star by the Deviation of Light in the Gravitational Field", also "Linsenartige Wirkung eines Sterns durch die Ablenkung von Licht im Gravitationsfeld". Der Text beginnt mit "Vor einiger Zeit besuchte mich R. Mandl und bat mich, die Ergebnisse einer kleinen Berechnung zu publizieren, die ich auf sein Ansuchen hin angestellt habe. Diese Notiz erf√ľllt seine Bitte". Am Ende der Notiz stellt Einstein allerdings auch noch einmal explizit fest, dass er keine gro√üe Chance sieht, diesen Effekt zu beobachten.

F√ľr Einstein war die Sache damit erledigt, f√ľr den Rest der Wissenschaft aber nicht. Aber bevor wir dazu kommen, schauen wir noch einmal in die Vergangenheit. Mandl war nicht der erste, der die Idee zur Verzerrung von Sternenlicht durch Gravitationslinsen hatte. Die hatte Einstein selbst auch schon gehabt, schon 1912, auch wenn er sie damals nicht publiziert hat. Einstein hat damals recht √§hnliche Rechnungen angestellt wie Mandl. Vermutlich war das auch der Grund, warum er sich am Ende doch von der Publikation √ľberzeugen lie√ü, auch wenn der Effekt seiner Meinung nach unbeobachtbar und damit wertlos f√ľr die Wissenschaft war. Es ist sogar ziemlich wahrscheinlich, dass Einstein auch der Lichtring-Effekt bekannt war. Denn im Jahr 1924 ver√∂ffentlichte der russische Physiker Orest Danilowitsch Chwolson in der Fachzeitschrift "Astronomische Nachrichten" eine kurze Notiz mit dem Titel "√úber eine m√∂gliche Form fiktiver Doppelsterne" in der er auch berechnete, wie das Licht eines Hintergrundsterns durch einen Vordergrundstern abgelenkt werden kann und sogar anmerkt, dass der Vordergrundstern von einem Ring umgeben sein m√ľsste, wenn der Hintergrundstern von der Erde aus gesehen exakt dahinter liegt. Und in der selben Ausgabe der Fachzeitschrift, sogar auf der selben Seite, findet sich auch ein kurzer Artikel von Albert Einstein.

Die Idee der Gravitationslinse war jetzt also publiziert und diverse Wissenschaftler reagierten darauf. Unter anderem Fritz Zwicky, den manche vielleicht noch von der "Dunklen Materie" kennen; er war ja derjenige, der diesen Begriff erfunden und auch die ersten Beobachtungsdaten geliefert hat, die auf ihre Existenz hinweisen. Aber das ist eine andere Geschichte; in diesem Fall wies Zwicky darauf hin, dass man diesen Effekt ja nicht nur bei Sternen suchen kann, sondern auch bei Galaxien. Es kann ja auch eine Galaxie im Vordergrund das Licht einer genau dahinter stehenden Galaxie ablenken und dann kriegt man eine Galaxie, die von einem Ring aus Licht umgeben ist. Und dieser Ring wäre deutlich größer als im Fall der Sterne.

Es hat allerdings bis 1979 gedauert, bis man tats√§chlich das erste Mal beobachten konnte, wie Licht von Galaxien auf diese Weise abgelenkt wird. Da hat man aber "nur" gesehen, wie das Bild von Galaxien verformt wird, der Ring, der Mandl besch√§ftigt hat, war da nicht zu sehen. Daf√ľr braucht es eben wirklich eine perfekte Ausrichtung und ganz genaue Beobachtungen. Man sah immer wieder unfertige Ringe, also Galaxien, deren Licht zu mehr oder weniger langen B√∂gen verformt war. Der erste komplette Ring konnte dann aber im Jahr 1987 beobachtet werden. Das Licht der fernen Galaxie mit der Bezeichnung B1938+666 formte einen kompletten Ring um eine nicht ganz so weit entfernte elliptische Galaxie.

In den Jahren danach fand man Dutzende weitere solcher "Einsteinringe", wie das Phänomen mittlerweile genannt wurde (obwohl man es genau so gut Chwolson-Ring oder Mandl-Ring nennen könnte). Man hat sogar im Jahr 2008 einen doppelten Ring gefunden: Drei Galaxien standen von uns aus gesehen genau in einer Reihe und die vorderste hat die Bilder der beiden dahinter zu zwei unterschiedlich großen Ringen verformt.

Die Entdeckung der Einsteinringe war nicht nur eine weitere Best√§tigung der Allgemeinen Relativit√§tstheorie. Ihre Beobachtung ist mittlerweile auch ein wichtiges Instrument bei der Erforschung des Universums geworden. Die Art und Weise, wie genau das Bild der fernen Galaxien verzerrt wird, sagt uns, wie viel Masse sich zwischen uns und ihnen befindet. Und dabei geht es nicht nur um die sichtbare Masse, sondern die gesamte Masse, also auch die der dunklen Materie, die wir ja anders nicht beobachten oder bestimmen k√∂nnen. Ohne Gravitationslinsen uns Einsteinringe w√ľssten wir sehr viel weniger √ľber die dunkle Materie als wir es tun und wenn wir in Zukunft noch mehr wissen werden, dann weil wir diesen Effekt noch viel st√§rker genutzt und noch mehr Einsteinringe im Universum beobachtet haben.

Und vielleicht werden Mandl und Chwolson ja doch noch bestätigt und Einsteins Behauptungen, dass man den Lichtring um einen Stern nie beobachten wird können, ist falsch. Denn 2016 fanden ein paar Forscherinnen und Forscher heraus, dass sich Alpha Centauri A, also einer der drei Sterne, die das der Sonne nächstgelegene Sternensystem bilden, im Mai 2028 von uns aus gesehen sehr nah vor einem viel weiter entfernten Stern vorbeibewegen wird. Man kann die Bewegung der Sterne nicht so extrem exakt berechnen, aber die Chancen stehen fast 50:50, dass das Licht des Hintergrundsterns dann einen Einsteinring um Alpha Centauri A bilden wird. Und wenn das so ist, dann wird man das auch mit den Teleskopen auf der Erde beobachten können.