Sternengeschichten   /     Sternengeschichten Folge 572: Terraforming auf der Venus

Description

Die Venus ist absolut lebensfeindlich. Aber k├Ânnten wir das ├Ąndern? Ja - und wie so ein Terraforming der Venus aussehen k├Ânnte, erfahrt ihr in der neuen Folge der Sternengeschichten: https://astrodicticum-simplex.at/?p=36721 Wer den Podcast finanziell unterst├╝tzen m├Âchte, kann das hier tun: Mit PayPal (https://www.paypal.me/florianfreistetter), Patreon (https://www.patreon.com/sternengeschichten) oder Steady (https://steadyhq.com/sternengeschichten)

Subtitle
Von H├Âlle zu Himmel
Duration
664
Publishing date
2023-11-10 06:00
Link
https://sternengeschichten.podigee.io/572-sternengeschichten-folge-572-terraforming-auf-der-venus
Contributors
  Florian Freistetter
author  
Enclosures
https://audio.podigee-cdn.net/1271966-m-051b2f0c8f6efa48b8e08f232ce2fe03.mp3?source=feed-scienceblogs
audio/mpeg

Shownotes

Von H├Âlle zu Himmel

Sternengeschichten Folge 572: Terraforming auf der Venus

K├Ânnen Menschen auf der Venus leben? Ganz klar: Nein! Ende der Folge. Aber damit ich doch noch etwas zu erz├Ąhlen habe, stelle ich die Frage lieber anders. N├Ąmlich so: K├Ânnten wir die Venus lebensfreundlich machen? Und da lautet die Antwort: Na jaÔÇŽ vielleicht!

In der heutigen Folge der Sternengeschichten geht es um Terraforming. So bezeichnet man, wie ich schon in Folge 414 erz├Ąhlt habe, die absichtliche Umwandlung eines f├╝r Menschen unbewohnbaren Himmelsk├Ârpers so dass Menschen dort leben k├Ânnen. In der damaligen Folge habe ich allerdings ├╝ber den Mars gesprochen und ├╝ber Methoden wie wir diesen Planeten f├╝r uns Menschen lebensfreundlich machen k├Ânnten. Heute wollen wir uns die Venus ansehen. Die Venus lebensfreundlich machen: Das k├Ânnte man f├╝r eine ziemlich aussichtslose Idee halten. Immerhin kennen wir kaum einen Planeten, der so unfreundlich f├╝r uns ist wie die Venus.

Die Temperatur auf unserem Nachbarplaneten liegt bei 460 Grad Celsius. Die Atmosph├Ąre ist so dicht, dass auf der Oberfl├Ąche der 90fache Druck herrscht, den wir hier auf der Erde sp├╝ren. Und die Atmosph├Ąre besteht noch dazu fast komplett aus Kohlendioxid. Auf der Venusoberfl├Ąche zu stehen w├Ąre etwa so, also w├╝rden wir uns hier auf der Erde in ├╝ber 900 Meter Meerestiefe aufhalten. In einem Meer allerdings, dass fast 500 Grad hei├č ist und in dem Blei schmelzen w├╝rde. Wie um Himmels Willen soll man so eine h├Âllische Welt lebensfreundlich machen? Und warum ├╝berhaupt?

Das Warum ist eine gute Frage; denn nat├╝rlich muss man sich schon fragen, wieso wir einen zweiten Planeten brauchen. Und ob es ethisch vertretbar ist, einen kompletten Planeten umzuformen und quasi seinen Originalzustand zu zerst├Âren, nur f├╝r uns Menschen. Dar├╝ber will ich heute aber nicht reden (obwohl ich der Meinung bin, dass man Planeten wie Mars und Venus in Ruhe lassen und erforschen aber nicht ver├Ąndern soll). Sondern ├╝ber die Frage, wie man es anstellen w├╝rde, wenn man sich dazu entschieden hat. Und wenn wir einen anderen Planeten terraformen wollen, ist die Venus gar keine so schlechte Wahl. In Gr├Â├če und Masse ist sie fast ein Zwilling der Erde, ganz im Gegensatz zum Mars, der viel kleiner ist. Die Anziehungskraft die man auf der Venusoberfl├Ąche sp├╝rt ist fast identisch mit der auf der Erde und w├╝rden wir dort leben k├Ânnen, h├Ątten wir keine Probleme mit Muskelschwund wegen der geringen Gravitationskraft wie wir es auf dem Mars h├Ątten. Und wenn man mal vom Mond absieht, kommt kein anderer gro├čer Himmelsk├Ârper des Sonnensystems der Erde so nahe wie die Venus. Man k├Ânnte vergleichsweise leicht, regelm├Ą├čig und schnell von einem Planeten zum anderen fliegen, was durchaus von Vorteil ist, wenn beide Welten von Menschen bewohnt sind.

Aber bevor es so weit ist, m├╝ssen wir die Venus erst mal lebensfreundlich kriegen. Und das ist, wie man sich denken kann, definitiv nicht so einfach. Sieht man von diversen Science-Fiction-B├╝chern ab, dann war der erste, der sich dar├╝ber Gedanken gemacht hat, der amerikanische Astronom Carl Sagan. In einer Arbeit aus dem Jahr 1961 schlug er vor, das man Mikroorganismen auf der Venus aussetzen k├Ânnte, die Fotosynthese betreiben. Sie w├╝rden so das Kohlendioxid in der Atmosph├Ąre in Sauerstoff umwandeln. Denn genau das ist das Hauptproblem beim Venus-Terraforming: Wir m├╝ssen irgendwie die enorm dichte CO2-Atmosph├Ąre loswerden. Sie sorgt daf├╝r, dass dort ein so extremer Treibhauseffekt existiert und die Temperaturen so absurd hoch sind.

Sagans Idee war prinzipiell gut, aber damals wusste man noch nicht, dass der Druck auf der Venusoberfl├Ąche so extrem hoch ist. Bei den Werten die dort herrschen, funktioniert das Prinzip nicht. Man wusste auch nicht, dass in der Atmosph├Ąre Schwefeldioxid enthalten ist und das es so gut wie kein Wasser auf der Venus gibt. Das alles zusammen f├╝hrt dazu, dass Mikroorganismen dort nicht viel ausrichten k├Ânnen. Man br├Ąuchte auch Wasserstoff, damit die Mikroorganismen den Kohlenstoff aus dem CO2 irgendwie in andere Molek├╝le umwandeln k├Ânnen und den findet man auf der Venus auch kaum.

Aber Kohlenstoff und CO2 kann man auch anders loswerden. Auf der Erde ist viel CO2 im Gestein gebunden. Man k├Ânnte probieren, jede Menge Magnesium und Kalzium auf die Venus zu bringen. Die k├Ânnte CO2 binden und aus der Atmosph├Ąre entfernen. Allerdings braucht man daf├╝r eine wirklich gro├če Menge. Ungef├Ąhr so viel, wie der Asteroid Vesta wiegt und der hat immerhin einen Durchmesser von ├╝ber 500 Kilometern. Gut, man k├Ânnte das Zeug vielleicht irgendwo vom Merkur zur Venus r├╝ber schaffen, denn der Merkur enth├Ąlt sehr viele passende Mineralien. Aber leicht ist das nicht und definitiv au├čerhalb unserer aktuellen und vermutlich auch zuk├╝nftigen F├Ąhigkeiten.

Aber kann man die Atmosph├Ąre nicht einfach direkt loswerden? Jetzt nicht irgendwie absaugen, aber wenn zum Beispiel ein gro├čer Asteroid auf einem Planeten einschl├Ągt, kann dadurch auch ein Teil der Atmosph├Ąre ins All geschleudert werden. Die Venus hat aber eine recht gro├če Masse und dementsprechend gro├č muss auch ein Asteroid sein, um das zu erreichen. Wenn der Einschlag nicht mit ausreichend Wumms erfolgt, dann werden die Molek├╝le der Atmosph├Ąre nicht ausreichend stark beschleunigt, um ins Weltall entkommen zu k├Ânnen. Man br├Ąuchte ein paar tausend Einschl├Ąge von Brocken, die circa 700 Kilometer gro├č sind. Und abgesehen davon, dass wir die aus dem ├Ąu├čeren Sonnensystem zur Venus schaffen m├╝ssten, weil es so viele davon in der N├Ąhe gar nicht gibt, w├Ąre es vermutlich auch einfacher, die Sache mit dem Magnesium vom Merkur durchzuziehen.

Also sollte man vielleicht einen ganz anderen Ansatz probieren? Ein Vorschlag des britischen Wissenschaftlers Paul Birch sieht vor, einen riesigen Spiegel im All zu installieren, der das Sonnenlicht von der Venus abh├Ąlt. Das entfernt zwar die Atmosph├Ąre nicht, w├╝rde aber die Temperatur deutlich senken. Und wenn es mal ein wenig k├╝hler ist, kann man es vielleicht wieder mit den Mikroorganismen probieren. Heutzutage ist es ja auch kein gro├čes Problem mehr, die per Gentechnik an etwaige Widrigkeiten auf der Venus anzupassen. So ein Spiegel m├╝sste zwischen Venus und Sonne platziert werden, am besten im Lagrange-Punkt L1, also an einem der Punkte, an denen sich die von Venus und Sonne wirkenden Gravitationskr├Ąfte aufheben. Und so ein Spiegel m├╝sste einen Durchmesser haben, der vier mal so gro├č ist wie der Durchmesser der Venus. Nicht einfach zu bauen also, ganz im Gegenteil. Und wenn wir so ein gigantisches reflektierendes Dings im All h├Ątten, w├╝rde es nicht lange an Position bleiben. Der Druck des Sonnenlichts w├╝rde den Spiegel langsam aber sicher verschieben. Wir m├╝ssen also entweder einen Antrieb einbauen, der jede Menge Energie braucht. Oder bauen einen schlaueren Spiegel: Am besten eine Flotte aus vielen kleinen Spiegel, die so positioniert werden, dass sie einen Teil des Sonnenlichts so auf die Nachbarspiegel umleiten, dass dieses Licht genau den Druck des restlichen Sonnenlichts ausgleicht und alle in Position bleiben. Theoretisch ist das m├Âglich, praktisch aber nicht einfach umsetzbar.

Wenn wir aber so eine Spiegelflotte hinkriegen, k├Ânnten wir die Venus damit weit unter den Gefrierpunkt von Wasser k├╝hlen. So weit, dass das Kohlendioxid in der Atmosph├Ąre zuerst fl├╝ssig und dann fest wird. Dazu sind mindestens gut -60 Grad Celsius n├Âtig und dann h├Ątte die Venus keine dichte CO2-Atmosph├Ąre mehr. Das ganze Kohlendioxid w├╝rde in Form von Trockeneis auf ihrer Oberfl├Ąche liegen und dann m├╝sste man es irgendwie einsammeln und wegschaffen - zum Beispiel zum Mars, wo man Treibhausgase gut brauchen kann, wenn man auch diesen Planeten aufw├Ąrmen und terraformen will.

Alles nicht einfach, aber zumindest nicht unm├Âglich. Wenn wir es also irgendwie geschafft haben sollten, eine Venus zu bauen, die eine vern├╝nftige Temperatur und keine dicke CO2-Atmosph├Ąre hat, sind wir aber noch lange nicht fertig. Denn es fehlt uns Wasser. Das m├╝ssten wir hinbringen; wir k├Ânnten zum Beispiel einen der kleineren Monde von Jupiter und Saturn schnappen, die fast komplett aus Wassereis bestehen. So ein Mond wie Enceladus zum Beispiel, mit gut 250 km Durchmesser. Denn schmei├čen wir auf die Venus und haben Wasser. Ganz fertig w├Ąren wir dann aber immer noch nicht. Die Venus rotiert extrem langsam um ihre eigene Achse. Auf der Erde dauert so eine Rotation 24 Stunden und so lange dauert auch ein Tag hier bei uns. Ein Venustag dauert dagegen gut 117 Erdtage. Es ist also extrem lange hell - und dann extrem lange dunkel. Das m├╝sste man auch irgendwie korrigieren. Den Planeten schneller rotieren lassen ist keine Option; daf├╝r w├Ąre so absurd viel Energie n├Âtig, dass das kaum zu schaffen ist. Besser w├Ąre es, man installiert wieder ein paar Spiegel in einer Umlaufbahn um die Venus die - je nachdem - ein bisschen Licht der Sonne blockieren oder Sonnenlicht zur Oberfl├Ąche umlenken, so dass man dann Tag und Nacht vern├╝nftig regulieren kann.

Was der Venus dann trotz allem noch fehlt, ist ein Magnetfeld, das leider auch recht wichtig ist, wenn wir Menschen dort leben wollen. Ohne Magnetfeld sch├╝tzt uns nichts vor der kosmischen Strahlung. Wie wir ein planetares Magnetfeld bauen k├Ânnen, ist aber v├Âllig ungekl├Ąrt. Man k├Ânnte gigantische Ringe aus supraleitenden Material um den Planeten legen, durch die Strom flie├čt und dabei ein Magnetfeld erzeugt. Aber auch wenn das theoretisch nicht unm├Âglich ist, ist es das vermutlich in der Praxis.

Wir k├Ânnen am Ende also drei Dinge festhalten: Erstens ist es zumindest in der Theorie machbar, die Venus in einen lebensfreundlichen Planeten zu transformieren. Zweitens haben sich erstaunliche viele Forscherinnen und Forscher mit dieser Frage besch├Ąftigt. Und drittens zeigt uns der absurde Aufwand, den wir daf├╝r treiben m├╝ssten, ein weiteres Mal, was f├╝r ein einzigartiger Planet unsere Erde ist. Schauen wir besser darauf, dass sie lebensfreundlich bleibt; dann k├Ânnen wir uns in der Zukunft immer noch um die anderen Planeten k├╝mmern.