Sternengeschichten   /     Sternengeschichten Folge 577: Der Krieg zwischen Sonne und Mond und die erste Science-Fiction-Geschichte der Welt

Description

Vor fast 2000 Jahren hat der r√∂mische Autor Lukian beschrieben, wie er zum Mond gereist ist und dort Krieg gegen die Sonne gef√ľhrt hat. Davor gabs noch Abenteuer mit Weinrebenm√§dchen. Was in der ersten Sci-Fi-Story der Welt steht, erfahrt ihr in der neuen Folge der Sternengeschichten. Wer den Podcast finanziell unterst√ľtzen m√∂chte, kann das hier tun: Mit PayPal (https://www.paypal.me/florianfreistetter), Patreon (https://www.patreon.com/sternengeschichten) oder Steady (https://steadyhq.com/sternengeschichten)

Subtitle
Nehmt euch vor den Weinrebenmädchen in Acht!
Duration
773
Publishing date
2023-12-15 06:00
Link
https://sternengeschichten.podigee.io/577-sternengeschichten-folge-577-der-krieg-zwischen-sonne-und-mond-und-die-erste-science-fiction-geschichte-der-welt
Contributors
  Florian Freistetter
author  
Enclosures
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Shownotes

Nehmt euch vor den Weinrebenmädchen in Acht!

Sternengeschichten Folge 577: Der Krieg zwischen Sonne und Mond und die erste Science-Fiction-Geschichte der Welt

Science Fiction ist keine Wissenschaft, aber sie hat die Wissenschaft immer schon beeinflusst. Lange bevor die ersten Raketen ins Weltall geflogen sind, haben sich Menschen schon vorgestellt, wie es sein k√∂nnte, durchs Weltall zu reisen. Mal realistischer, wie zum Beispiel Jules Verne in seinem Roman "Von der Erde zum Mond", mal weniger realistisch, wie Johannes Kepler in seinem Werk "Somnium", von dem ich in Folge 472 der Sternengeschichten ausf√ľhrlich erz√§hlt habe. H.G. Wells hat sich in "Krieg der Welten" vorgestellt, wie das Leben auf dem Mars aussehen k√∂nnte, Arthur C. Clarke hatte die Idee zu geostation√§ren Satelliten und einem Weltraumlift in seinen B√ľchern entwickelt und zumindest eine davon ist sp√§ter Realit√§t geworden. Und so weiter - kurz gesagt: Die Science Fiction inspiriert die Wissenschaft dazu, die dort gezeigten Visionen umzusetzen und die Wissenschaft inspiriert die Science Fiction, die Realit√§t kreativ weiterzudenken.

Die klassische Science Fiction mit den Werken von H.G. Wells, Jules Verne oder Mary Shelley beginnt im 19. Jahrhundert, die moderne Science Fiction in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg. Aber nat√ľrlich haben Menschen auch schon fr√ľher entsprechende Ideen gehabt. Die Science Fiction ist ein so vielf√§ltiges Genre, dass sie sich schwer abgrenzen l√§sst und ebenso schwer ist es, die "erste" Science-Fiction-Geschichte der Welt zu identifizieren. Aber es ist vermutlich nicht v√∂llig falsch, wenn man bei dem Buch "Wahre Geschichten" anf√§ngt. Geschrieben wurde es vor fast 2000 Jahren, im 2. Jahrhundert von Lukian von Samosata. Die Stadt Samosata lag damals in der r√∂mischen Provinz Syrien und ihre Ruinen heute unter dem Wasser des Atat√ľrk-Stausees in der √∂stlichen T√ľrkei. √úber das Leben von Lukian wei√ü man nicht sehr viel, aber er hat vermutlich als Redner und Autor gearbeitet und es sind knapp 70 seiner Werke bekannt. Eines davon ist "Wahre Geschichten" und darin findet man die fr√ľheste bekannte Darstellung einer Reise durch den Weltraum und von au√üerirdischen Lebewesen.

Lukian wollte aber keine klassische Science Fiction schreiben; so etwas gab es damals in dem Sinne ja auch nicht. Sein Reisebericht ist eher eine Parodie auf die damalige Geschichtschreibung. Und "Geschichtsschreibung" hat damals wenig mit dem zu tun, was wir heute darunter verstehen. Diese Berichte waren im Wesentlichen frei erfundene Geschichten √ľber das, was angeblich tats√§chlich in fernen L√§ndern beziehungsweise der Vergangenheit passiert ist. In seiner Einleitung schreibt Lukian zum Beispiel "So hat Ctesias, Ctesiochus Sohn, aus Cnidus, in seinem Buche √ľber Indien Dinge geschrieben, die er weder selbst gesehen, noch von irgend Jemand erz√§hlen geh√∂rt hatte." Und f√§hrt fort: "Viele Andere haben sich, in demselben Geiste, zur Aufgabe gemacht, uns ihre weiten Reisen, ihre Irrfahrten zu beschreiben, und von ungeheuren Bestien, wilden und grausamen Menschen, seltsamen Sitten und Gebr√§uchen zu erz√§hlen."

Auch Lukian will so einen Bericht verfassen und beendet seine Einleitung mit den Worten: "So erkläre ich denn feierlich: 'Ich schreibe von Dingen, die ich weder selbst gesehen, noch erfahren, noch von Andern gehört habe, und die eben so wenig wirklich, als je möglich sind.' Nun glaube sie, wer da Lust hat!"

Was sollen wir also glauben, wenn wir Lust dazu haben? Die Reise von Lukian beginnt bei den S√§ulen des Herakles, also in Gibraltar, wo er mit 50 Kameraden ein Schiff besteigt. Sie segeln hinaus in den Atlantik, um "neue Dinge kennen zu lernen und zu erfahren, wo der Ocean aufh√∂re, und was wohl das f√ľr Leute seyn m√∂gen, die jenseits desselben wohnen". Als erstes finden sie eine Insel, auf der ein Fluss aus Wein flie√üt. Auch die Fische darin bestehen aus Wein und m√ľssen mit normalen "Wasserfischen" gemischt werden, um beim Essen nicht zu betrunken zu werden. Und Lukian findet auch ganz besondere Weinreben: "Unten am Boden bestanden sie aus einem sehr kr√§ftigen und dicken Stamme, weiter aufw√§rts aber waren es M√§dchen, die bis auf die H√ľften herab an allen Theilen vollkommen ausgebildet waren". Diese Wesen, halb Wein, halb Frau haben Haare aus Weinbl√§ttern und Weintrauben und sind den M√§nnern anscheinend durchaus freundlich gesinnt. Aber Achtung: "Zwei meiner Gef√§hrten, die sich verf√ľhren lie√üen, konnten sich nicht wieder losmachen, sondern wuchsen und wurzelten dergestalt mit ihnen zu einem Gew√§chse zusammen".

Die restlichen M√§nner, die den Weinfrauen entkommen sind, besteigen ihr Schiff, das aber sofort von einem Sturm in die Luft gehoben wird. Dort oben segelt es dann weiter, sieben Tage und sieben N√§chte. Am achten Tag erreichen sie "eine Art von Erde in der Luft [‚Ķ] gleich einer gro√üen, kugelf√∂rmigen, von hellgl√§nzendem Lichte erleuchteten Insel". Als sie dort anlegen, erkennen sie tief unter sich eine andere Erde, die sie als ihre eigene erkennen. Lukian stellt fest, dass er auf dem Mond gelandet ist und dort geht es wild zu. Er wird sofort von einer Truppe Ritter, die auf riesigen V√∂geln reiten festgenommen und zum K√∂nig des Mondes gebracht. Der erkl√§rt, dass er urspr√ľnglich auch von der Erde kommt, jetzt aber gerade Krieg mit den Bewohnern der Sonne f√ľhrt. Der Mondk√∂nig wollte n√§mlich den unbewohnten Morgenstern kolonialisieren, was dem Sonnenk√∂nig aber nicht gepasst hat. Es gab Krieg und Lukian ist gerade rechtzeitig zur gro√üen Schlacht gekommen. Dort k√§mpfen jede Menge seltsame Wesen. Zum Beispiel die "Krautfl√ľgler", "eine au√üerordentlich gro√üe Gattung von V√∂geln, die, anstatt mit Federn, √ľber und √ľber mit Krautbl√§ttern bewachsen sind". Es gab auch "Knoblauchstreiter" und "Hirsenschie√üer", au√üerdem auch "Flohspringer", die auf Fl√∂hen reiten die so gro√ü wie zw√∂lf Elephanten sind. Und die "Luftspringer", "die aus der Ferne Rettiche von entsetzlicher Gr√∂√üe auf den Feind schleuderten. Wer von einem solchen Rettiche getroffen ward, starb gleich darauf, indem die Wunde augenblicklich in eine abscheulich riechende F√§ulni√ü √ľbergieng".

Trotz all des gr√§sslichen Gem√ľses gewinnt der Mond die Schlacht. Alle feiern, bis auf einmal die "Wolkenzentauren" auftauchen, gigantische fliegende Wesen halb Mensch, halb Pferd, die f√ľr die Sonne k√§mpfen und zu sp√§t aufgetaucht sind. Jetzt aber greifen sie an, der Krieg bricht erneut aus und die Sonne gewinnt die Oberhand. Eine Mauer wird zwischen Mond und Sonne errichtet, "aus einer gedoppelten Reihe dichter Wolken gebildet, wodurch eine vollkommene Mondsfinsterni√ü entstand". Der Mondk√∂nig ist gar nicht froh √ľber die Finsternis, aber am Ende gibt es dann doch einen Friedensvertrag.

Bevor Lukian wieder weiter reist, verfasst er noch einen kurzen Bericht √ľber die Lebensweise der Mondbewohner. Es sind √ľbrigens wirklich Mondbewohner und nicht auch Mondbewohnerinnen, denn Frauen gibt es dort nicht. Kinder werden dort, wie Lukian schreibt, "von M√§nnern geboren, mit denen man hier in der Ehe lebt, indem jeder bis zum f√ľnf und zwanzigsten Jahre der Geheirathete ist, nach dieser Zeit aber selbst heirathet. Sie tragen die Frucht nicht in der Bauchh√∂hle, sondern in der Wade: sobald n√§mlich das Empf√§ngni√ü geschehen ist, wird die Wade dick und immer dicker; nach einiger Zeit aber schneidet man sie auf und zieht ein todtes Kind heraus, das nun mit offenem Munde dem Winde ausgesetzt und so zum Leben gebracht wird."

Es gibt aber auch Baummenschen, deren Entstehung ein bisschen anders läuft. Lukian erklärt: "Man schneidet einem Manne den rechten Hoden ab, und pflanzt ihn in die Erde: aus diesem wächst nun ein ungeheurer, fleischerner Baum, in Gestalt eines Phallus, mit Zweigen und Blättern. Die Frucht, die er trägt, ist eine Art ellenlanger Eicheln, aus welchen, wenn man sie reif werden läßt und sodann auseinander schlägt, die Menschen genommen werden."

Nun ja. Lukian wei√ü auch, was die Mondwesen essen: Den Dampf, der von gebratenen Fr√∂schen aufsteigt. Es gibt am Mond auch Weinreben, die aber keine Weintrauben haben, sondern welche aus Wasser. Lukian vermutet, hier den Ursprung der Hagelk√∂rner gefunden zu haben, die ab und zu auf die Erde fallen. Auf dem Mond gilt man √ľbrigens nur als sch√∂n, wenn man eine Glatze hat und die Bewohner k√∂nnen ihre Augen herausnehmen: "Wer also Lust hat, nimmt sie aus und hebt sie auf, bis er etwas zu sehen braucht, alsdann setzt er nur seine Augen wieder ein und sieht."

Auf der R√ľckreise macht Lukian zuerst beim Morgenstern halt, auf dem aber nicht viel los ist. Dann gelangt er zur "Lampenstadt", die "etwas unterhalb des Thierkreises zwischen der Luftregion der Pleiaden und der der Hyaden" liegt, wie Lukian schreibt. Diese Stadt wird tats√§chlich ausschlie√ülich von Lampen bewohnt, die in Laternen leben und Lukian trifft sogar seine eigene Hauslampe von der Erde. Auf der landen sie dann auch endlich wieder, werden aber sofort von einem gigantischen Walfisch verschluckt, in dem √ľber tausend Menschen leben und gegeneinander Krieg f√ľhren. Nach dem Aufenthalt im Fisch gelangen sie in ein Meer aus Milch und auf eine Insel aus K√§se, treffen danach diverse tote Prominente auf der Insel der Seligen, bis sie endlich wieder auf eine gr√∂√üere Landmasse treffen, "von welchem wir vermutheten, da√ü es der, unserm Erdtheil gegen√ľber liegende, Continent seyn m√∂chte".

Hier endet der Bericht von Lukian und es ist klar, dass das alles erstmal wenig mit Science Fiction der Art zu tun hat, die wir heute gew√∂hnt sind. Aber es w√§re auch h√∂chst √ľberraschend, wenn sich jemand vor 2000 Jahren Raumschiffe mit Laserkanonen oder √§hnlicher Technik ausgedacht h√§tte. Die Fiction in Science Fiction kann nur auf der verf√ľgbaren Science basieren und zu Lukians Zeit wusste man nichts √ľber den Weltraum. Warum sollte der Mond nicht einfach mit einem Schiff erreichbar sein, dass durch die Luft fliegt? Warum sollten dort keine Menschen leben? Nat√ľrlich hat Lukian sich einfach irgendeinen lustigen Quatsch ausgedacht, das war ja auch Ziel seines Werks, wie er in der Einleitung geschrieben hat. Aber allein die Tatsache, dass er sich f√ľr seine Reise eben nicht eine beliebige Reise ausgedacht hat, sondern eine Reise zum Mond, zur Sonne und zum Morgenstern; eine Reise √ľber die Grenzen der Erde hinaus, zeigt, dass die Menschen auch damals schon dar√ľber nachgedacht haben m√ľssen, wie es denn w√§re, auf diesen leuchtenden Himmelsk√∂rpern zu leben, die man in der Nacht sehen kann. Wie es sein k√∂nnte, zu diesen unerreichbaren Orten zu reisen und was man dort erleben k√∂nnte. Lukian hat sich die selben Gedanken gemacht, die sich nach ihm unz√§hlige Menschen gemacht haben und die am Ende dazu gef√ľhrt haben, dass wir tats√§chlich und in echt zum Mond gereist sind.

Die "Wahren Geschichten" von Lukian sind eine Parodie die man nur wirklich verstehen kann, wenn man die Zeit versteht in der sie geschrieben wurden und den Zweck kennt, zu dem sie verfasst worden sind. Trotzdem bleibt die Tatsache, dass Lukian in seiner Fantasie durchs Weltall und zu anderen Himmelskörpern gereist ist und man kann sie deswegen durchaus zur Science Fiction zählen. Lukian hätte seine Kritik an den zeitgenössischen Reiseberichten ja auch ebenso gut anbringen können, wenn er von Reisen in ferne Regionen der Erde geschrieben hätte. Hat er aber nicht; er ist zum Mond, zur Sonne und zu den Sternen gereist!

Und wer wei√ü, was er auf dem unbekannten Kontinent alles erlebt hat, mit dessen Entdeckung die "Wahren Geschichten" enden. Der letzte Satz dort lautet: "Was ich nun weiter auf dem festen Lande sah und erlebte, soll in den n√§chsten B√ľchern erz√§hlt werden". Leider ein falsches Versprechen; diese B√ľcher gibt es nicht. Aber wie sonst sollte ein Autor eine Geschichte voller L√ľgen beenden, als auf diese Weise‚Ķ