Sternengeschichten   /     Sternengeschichten Folge 585: Das Sternbild Drache

Description

Am Himmel windet sich ein Drache. Und dort findet man alles, was die Astronomie zu bieten hat. Von Sternschnuppen √ľber Exoplaneten bis zur Science Fiction und Galaxienhaufen. Mehr erfahrt ihr in der neuen Folge der Sternengeschichten: https://astrodicticum-simplex.at/?p=36815 Wer den Podcast finanziell unterst√ľtzen m√∂chte, kann das hier tun: Mit PayPal (https://www.paypal.me/florianfreistetter), Patreon (https://www.patreon.com/sternengeschichten) oder Steady (https://steadyhq.com/sternengeschichten)

Subtitle
Ein Monster voll mit Astronomie
Duration
737
Publishing date
2024-02-09 06:00
Link
https://sternengeschichten.podigee.io/585-sternengeschichten-folge-585-das-sternbild-drache
Contributors
  Florian Freistetter
author  
Enclosures
https://audio.podigee-cdn.net/1354923-m-142aa0dd68d8390a8d64b81453db873d.mp3?source=feed
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Shownotes

Ein Monster voll mit Astronomie

Sternengeschichten Folge 585: Das Sternbild Drache

Es wird wieder mal Zeit, dass wir uns eines der Sternbilder ansehen. Und der Drache ist ein ganz besonderes Sternbild. Ok - jedes Sternbild ist besonders, denn wie ich ja schon oft erkl√§rt habe, sind die modernen Sternbilder ja einfach nur abgegrenzte Bereiche am Himmel. 88 St√ľck davon gibt es und es gibt keine Stelle am Himmel, wo man nicht irgendwas besonders finden k√∂nnte. Aber der Drache ist nicht nur ein altes Sternbild mit jeder Menge spannender Mythologie sondern auch ein Sternbild, in dem man aus so gut wie jedem Bereich der Astronomie etwas findet.

Aber fangen wir mal damit an, wo der Drache ist. Man findet ihn im Norden; er windet sich quasi um den kleinen B√§ren herum, zu dem ja auch Polaris geh√∂rt, der Polarstern, der den Himmelsnordpol markiert. In Mitteleuropa kann man den Drachen deswegen auch das ganze Jahr √ľber in jeder Nacht sehen und weil er vergleichsweise viele helle Sterne enth√§lt, ist er auch leicht zu erkennen. Sucht euch einfach den Polarstern und schaut nach einer langen Kette aus Sternen, die sich in seiner N√§he √ľber den Himmel windet. Das ist der Drache und dieses Sternbild war schon in der Antike bekannt. Es war eines der 48 Sternbilder, die Ptolem√§us vor knapp 2000 Jahren in seinen astronomischen Werken aufgelistet hat, aber die Menschen haben dort auch schon fr√ľher alle m√∂glichen Monster gesehen. In der Sch√∂pfungsgeschichte der Babylonier hat man sich dort oben Tiamat vorgestellt; die G√∂ttin des Salzwassers die als eine Art Seeschlange mit H√∂rnern dargestellt wird. Sie k√§mpft gegen Marduk, die Hauptgottheit der Babylonier, der Tiamat besiegt, ihren K√∂rper zerteilt und aus den beiden H√§lften Himmel und Erde erschafft. In der griechischen Mythologie gibt es auch jede Menge drachen√§hnliche Monster, zum Beispiel Ladon, der gleich 100 K√∂pfe hat und die goldenen √Ąpfel der Hesperiden bewacht, die Untersterblichkeit verleihen. Hat er auch immer super geschafft, bis Herkules gekommen ist und ihn umgebracht hat. In den Mythen der arabischen Nomaden hat man hier allerdings ein Kamel gesehen, dass sein Junges besch√ľtzt, das gerade von zwei Hyaenen angegriffen wird.

Aber schauen wir uns jetzt lieber an, was es im Drachen zu sehen gibt. Wenn wir das Anfang Oktober tun und wir eine gute, dunkle Nacht erwischen, werden wir vielleicht mit jeder Menge Draconiden belohnt. So nennt sich ein Meteorstrom, also ein "Sternschnuppenschauer", der jedes Jahr um den 9. Oktober herum sichtbar ist. Dann bewegt sich die Erde durch den Staub, den der Komet 21P/Giacobini-Zinner im All hinterlassen hat und wir k√∂nnen sehen, wie jede Menge Sternschnuppen √ľber den Himmel sausen. Wenn wir Gl√ľck haben, jedenfalls. √úblicherweise sind die Draconiden eher schwach, mit h√∂chstens einer Handvoll an Sternschnuppen pro Stunde. Aber alle paar Jahrzehnte kann es richtig viel werden, wenn n√§mlich der Komet gerade vorher vorbei gekommen ist und frischen Staub hinterlassen hat. Das war zum Beispiel 1985, 1998 und 2011 der Fall, da konnte man ein paar hundert Sternschnuppen pro Stunde sehen. Wegen der Richtung, in die sich die Erde Anfang Oktober bewegt, scheinen die Sternschnuppen alle aus Richtung des Sternbilds Drache zu kommen und daher haben sie auch ihren Namen.

Der hellste Stern eines Sternbilds wird √ľblicherweise mit dem griechischen Buchstaben Alpha bezeichnet, gefolgt von der lateinischen Bezeichnung des Sternbilds. Alpha Draconis ist aber nur der achthellste Stern im Drachen - aber trotzdem einer der wichtigsten. Auf jeden Fall war er das f√ľr die Menschen die vor knapp 5000 Jahren gelebt haben. Da war Alpha Draconis n√§mlich der Polarstern. Oder besser gesagt: Der Polarstern war damals nat√ľrlich auch schon der Polarstern, aber er war nicht dort, wo sich der Himmelsnordpol befindet. Da befand sich zu der Zeit eben Alpha Draconis. Die Achse, um die die Erde sich dreht und die in Richtung Himmelsnordpol zeigt, beschreibt im Verlauf von gut 26.000 Jahren einen kleinen Kreis am Himmel. Heute zeigt sie ungef√§hr dorthin, wo sich Polaris befindet. Damals war sie aber auf Alpha Draconis ausgerichtet. Und um das Jahr 20.000 herum wird sie das wieder tun.

Der tats√§chlich hellste Stern im Drachen ist Gamma Draconis beziehungsweise "Etamin" wie er auch genannt wird. Das bedeutet "Schlange" und Etamin ist nicht nur hell, sondern hat in der Geschichte der Astronomie auch eine wichtige Rolle gespielt. Ich habe davon schon in Folge 83 erz√§hlt: Mit dem 16. Jahrhundert setzte sich langsam die Idee durch, dass die Erde sich um die Sonne bewegt und nicht umgekehrt. Wenn das so ist, dann m√ľsste sich aber auch die Position der Sterne scheinbar ver√§ndern, weil wir sie im Laufe eines Jahres von unterschiedlichen Positionen im Sonnensystem aus beobachten. Sie m√ľssten sich in Bezug auf die noch weiter entfernt liegenden Sternen leicht verschieben. Diesen Effekt, die "Parallaxe" sollte man messen k√∂nnen und die Leute haben versucht, es zu messen. Einer der ersten war 1725 der britische Astronom James Bradley, und er hat sich Gamma Draconis ausgesucht - unter anderem deswegen, weil er jede Nacht am Himmel zu sehen und darum gut wiederholt zu beobachten war. Und Bradley hat tats√§chlich eine scheinbare Ver√§nderung der Position gemessen, aber nicht die, die zu erwarten war. Bradley hatte die Aberration entdeckt. Die funktioniert, kurz gesagt, so: Die Erde bewegt sich durchs All. Licht der Sterne bewegt sich zur Erde. Das Licht ist aber nicht unendlich schnell. Stellen wir uns vor, das Licht eines Sterns f√§llt exakt senkrecht in die obere √Ėffnung eines Teleskops. Es braucht dann zwar nicht lange, um das untere Ende zu erreichen, aber es ist nicht unendlich schnell. In der kurzen Zeit bis es unten angekommen ist, bewegt sich die Erde ein kleines St√ľckchen weiter und verschiebt dadurch auch das Teleskop ein kleines St√ľckchen. Wenn das Sternenlicht dann auf unser Auge trifft - oder ein Messger√§t, je nachdem - sieht es so aus, als sei das Licht eben nicht senkrecht aufgetroffen, sondern ein winziges bisschen aus der Senkrechten abgelenkt. Wie stark diese scheinbare Positions√§nderung ist, h√§ngt davon ab, in welche Richtung sich die Erde gerade bewegt; auf den Stern zu, von ihm weg oder irgendwas dazwischen. Das √§ndert sich im Laufe eines Jahres und so beschreibt der Stern ebenfalls im Laufe eines Jahres einen scheinbaren Kreis am Himmel.

Das war zwar nicht die Parallaxe, die Bradley messen wollte - aber seine Messungen der Aberration konnten erstmals zweifelsfrei nachweisen, dass die Erde sich tatsächlich bewegt und nicht still im Zentrum des Universums steht.

Was gibt es noch im Drachen? Den Stern Arrakis, der eigentlich Al-Rakis hei√üt oder wissenschaftlich My Draconis. Und ich erw√§hne den Stern eigentlich nur deswegen, weil der Science-Fiction-Autor Frank Herbert diesen Namen f√ľr den Planeten ausgew√§hlt hat, auf dem sein Buch "Dune - der W√ľstenplanet" spielt. Obwohl Arrakis dort den Stern Alpha Carinae umkreist, aber wir wollen jetzt nicht in die Details von Dune eintauchen.

Echte extrasolare Planeten hat der Drache nat√ľrlich auch. Zum Beispiel die beiden, die den Stern Kepler-10 umkreisen. Das ist ein sonnen√§hnlicher Stern in 600 Lichtjahren Entfernung mit mindestens zwei bekannten Planeten. Der eine ist eineinhalb mal so gro√ü wie die Erde und der andere mehr als doppelt so gro√ü. Beide haben aber sehr viel mehr Masse: Der eine die 3fache und der andere die 7fache Masse unseres Planeten. Es gibt noch 18 andere bekannte Sterne im Drachen, die Planeten haben - aber auch am anderen Ende der Gr√∂√üenskala ist dort einiges zu finden.

1786 hat der Astronom William Herschel dort den Katzenaugennebel entdeckt oder NGC 6543, wie er offiziell hei√üt. Es handelt sich um einen √ľber 3000 Lichtjahre entfernten planetaren Nebel. Also das, was entsteht, wenn ein sehr gro√üer und hei√üer Stern am Ende seines Lebens das Gas aus dem er besteht, Schicht f√ľr Schicht ins All hinaus bl√§st. Beim Katzenaugennebel hat das ein Stern, der ungef√§hr 10.000 mal heller und knapp 20 mal hei√üer als unsere Sonne ist, mit Sinn f√ľr √Ąsthetik getan. Der Katzenaugennebel ist einer der komplexesten Nebel die wir kennen und sieht, wenig √ľberraschend, wie ein Katzenauge aus.

Es geht aber auch noch gr√∂√üer und weiter weg. Schauen wir auf die Draco-Zwerggalaxie. Die ist, wenig √ľberraschend, eine kleine Galaxie. Sie besteht aus circa drei Millionen Sterne - viel weniger als die gut 100 Milliarden in der Milchstra√üe. Aber die Draco-Zwerggalaxie ist eine unserer Nachbarn, sie ist Teil der Lokalen Gruppe, also der Gruppe an Galaxien, zu der auch die Milchstra√üe geh√∂rt. Sie ist nur 280.000 Lichtjahre entfernt und deswegen vergleichsweise gut zu untersuchen. Und die Daten zeigen unter anderem, dass sich die Sterne dort viel zu schnell bewegen. Eigentlich sollte sich die Galaxie schon l√§ngst aufgel√∂st haben; die Gravitationskraft der paar Millionen Sterne reicht nicht, um sie zusammenzuhalten. Es muss dort also dunkle Materie geben, die Gravitationskraft aus√ľbt und die wir nicht sehen k√∂nnen. Und es muss dort √ľberdurchschnittlich viel dunkle Materie geben, viel mehr als in den anderen Galaxien.

Die Kaulquappen-Galaxie w√ľrde nicht in den Raum zwischen uns und der Draco-Zwerggalaxie passen. Muss sie aber auch nicht, sie ist gut 420 Millionen Lichtjahre entfernt, im Sternbild Drache nat√ľrlich und sieht aus wie eine normale Spiralgalaxie, wenn sie nicht einen Schweif aus Sternen hinter sich herziehen w√ľrde, der fast 300.000 Lichtjahre lang ist. In der Vergangenheit ist sie einer anderen Galaxien zu nahe gekommen und die zwischen ihnen wirkenden Gezeitenkr√§fte habe jede Menge Sterne aus ihnen herausgerissen, so dass diese seltsame Form entstanden ist.

Und wenn wir noch weiter hinaus schauen, finden wir im Drachen auch noch Abell 2218. So hei√üt ein Galaxienhaufen, dessen Licht mehr als 2 Milliarden Jahre bis zu uns braucht. Dort befinden sich ungef√§hr 10.000 Galaxien und diese gewaltige Masse kr√ľmmt den Raum enorm und lenkt so das Licht der Galaxien ab, das aus noch weiterer Entfernung zu uns kommt. Oder anders gesagt: Abell 2218 wirkt wie eine Gravitationslinse, die das Licht von fernen Objekten quasi verst√§rken kann, so das es f√ľr uns sichtbar wird, obwohl wir es eigentlich gar nicht mehr sehen sollten. 2004 hat man durch die Gravitationslinsenwirkung von Abell 2218 zum Beispiel eine Galaxie identifizieren k√∂nnen, deren Licht fast 13 Milliarden Jahre bis zu uns unterwegs war. Das bedeutet: Wir sehen etwas, das existiert hat, als das Universum gerade mal 750 Millionen Jahre alt war!

Es g√§be noch viel mehr √ľber den Drachen zu erz√§hlen. Von den interplanetaren Staubk√∂rnern der Draconiden, √ľber die Sterne in unserer N√§he und ihre Planeten, √ľber nahe Galaxien und fernste Galaxienhaufen. Der Drache bietet alles, was man sich in der Astronomie w√ľnschen kann.