Sternengeschichten   /     Sternengeschichten Folge 592: Killersatelliten und Weltraumwaffen

Description

Krieg findet auch im Weltall statt. Nicht so wie in den Science-Fiction-Filmen, aber leider trotzdem. Wie die Weltraumwaffen aussehen und was sie bewirken, erfahrt ihr in der neuen Folge der Sternengeschichten. Wer den Podcast finanziell unterst├╝tzen m├Âchte, kann das hier tun: Mit PayPal (https://www.paypal.me/florianfreistetter), Patreon (https://www.patreon.com/sternengeschichten) oder Steady (https://steadyhq.com/sternengeschichten

Subtitle
Star Wars, aber leider in echt
Duration
663
Publishing date
2024-03-29 06:00
Link
https://sternengeschichten.podigee.io/592-sternengeschichten-folge-592-killersatelliten-und-weltraumwaffen
Contributors
  Florian Freistetter
author  
Enclosures
https://audio.podigee-cdn.net/1399936-m-0a446e841422777d8492a441644d6968.mp3?source=feed
audio/mpeg

Shownotes

Star Wars, aber leider in echt

Sternengeschichten Folge 592: Weltraumwaffen und Killersatelliten

Der Satellit Fengyun-1C flog am 10. Mai 1999 ins Weltall. Der Name bedeutet so viel wie "Sturm und Wolken" und passte zur Aufgabe des wissenschaftlichen Instruments: N├Ąmlich das Wetter zu beobachten. Das hat der Satellit auch getan, bis er am 11. Januar 2007 zerst├Ârt worden ist. Nicht aus Versehen, es war ein geplanter Angriff. Eine Rakete, die von der Erde aus ins All geschossen wurde, traf den Satelliten und hat ihn komplett vernichtet. Nach der Kollision gab es nur noch eine gro├če Tr├╝mmerwolke aus ├╝ber 40.000 gr├Â├čeren und Millionen kleinerer Bruchst├╝cke. Die absichtliche Zerst├Ârung von Fengyun-1C war allerdings kein kriegerischer Akt. Der chinesische Satellit wurde von China selbst zerst├Ârt, um ihre Antisatellitenraketen testen zu k├Ânnen. Aber allein die Tatsache, dass es so etwas wie Antisatellitenraketen gibt und das ihre dramatische Wirkung von China so ├Âffentlich demonstriert worden ist, zeigt, dass Krieg auch im Weltall nicht ignoriert werden kann.

Es ist traurig, dass auch dieser Bereich nicht von der menschlichen Gewalt verschont bleibt. Aber auch nicht ├╝berraschend. Wir sind Menschen und wir bleiben Menschen, auch wenn wir ins Weltall fliegen. Und seit es uns Menschen gibt, f├╝hren wir Krieg gegeneinander. Wir scheinen nicht in der Lage zu sein, friedlich miteinander leben zu k├Ânnen. Und auch die Wissenschaft kann sich da nicht entziehen. Kriege waren immer schon Treiber f├╝r wissenschaftliche Entwicklungen. Nehmen wir nur den zweiten Weltkrieg: Die Radartechik war ein direktes Resultat der Forschung, die f├╝r Kriegszwecke durchgef├╝hrt worden ist. Auch Computer und Flugzeuge wurden w├Ąhrend des Krieges massiv weiter entwickelt. Und nat├╝rlich auch die Raumfahrt selbst. Die deutschen Pioniere der Raketentechnik bauten die ersten richtigen Raketen nicht f├╝r die Forschung, sondern als Waffen. Und als Deutschland den Krieg verloren hatte, wurden die Raketentechnik und die Ingenieure von den USA und der UdSSR ├╝bernommen, um dort die jeweiligen Raumfahrtprogramme zu entwickeln. Es soll hier aber nicht um die Geschichte der Raumfahrt im zweiten Weltkrieg gehen, das w├Ąre au├čerdem ein zu umfangreiches Thema f├╝r einen Podcast. Ich wollte nur die Verkn├╝pfungen zwischen Technik und Krieg betonen, damit klar ist, dass sich das nicht so einfach trennen l├Ąsst. Das gilt auch f├╝r die "reine" Wissenschaft: Als gut 400 Jahre fr├╝her Menschen wie Galileo Galilei, Johannes Kepler oder Isaac Newton dar├╝ber nachgedacht haben, wie und warum sich die Himmelsk├Ârper bewegen, da ist es ihnen nur darum gegangen, das Universum besser zu verstehen. Aber wenn damals nicht die Grundlagen der Mechanik entwickelt worden w├Ąren und man nicht angefangen h├Ątte, die Gravitation zu verstehen, dann h├Ątte man sp├Ąter auch keine Raketen ins All schicken k├Ânnen. Raketen, die einerseits wissenschaftliche Instrumente transportieren k├Ânnen, die unser Verst├Ąndnis der Welt verbessern. Oder Bomben tragen und uns├Ągliches Leid anrichten k├Ânnen. Was wir mit dem Wissen anstellen, das wir erlangen, liegt an uns selbst. Und so wie es aussieht, schaffen wir es leider nicht, das Wissen nur zum Wohl der Menschheit einsetzen. Das kann man schrecklich finden und das soll man auch. Aber man kann es nicht ignorieren. Und deswegen geht es in der heutigen Folge der Sternengeschichten um Killersatelliten.

Beziehungsweise um Krieg im Weltall. Der findet statt, wenn auch ganz anders, als wir das aus den Science-Fiction-Filmen gew├Âhnt sind. Es gibt keine gigantischen Raumschlachten, in denen sich Raumschiffe mit Lasern, Phasern oder Photonentorpedos beschie├čen; keine waghalsigen Flugman├Âver und all das andere, eher unwissenschaftliche, Standard-Gek├Ąmpfe aus den Hollywood-Filmen. Trotzdem ist der Weltraum nat├╝rlich auch ein Ort, der f├╝r die Kriegsf├╝hrung wichtig geworden ist. Nicht als Kampfschauplatz, noch nicht - beziehungsweise nur sehr sporadisch, wie wir noch sehen werden. Aber als strategische Position, die es zu besetzen gilt. Seit wir in der Lage sind, Satelliten ins All zu schicken, schicken wir auch Satelliten ins All, deren Aufgabe die Spionage ist. Der Blick von oben liefert Hinweise ├╝ber Truppenbewegungen, die Stationierung von Waffen, usw. Per Satellitenkommunikatin lassen sich Truppen zielgenau steuern, Eins├Ątze in Echtzeit auch aus gro├čer Ferne verfolgen. Aber in diesen F├Ąllen dient der Weltraum eben nur als strategische Plattform, die Vorteile bei der Kriegsf├╝hrung auf der Erde bringen kann. Nat├╝rlich und leider gibt es aber auch ├ťberlegungen, direkt im All oder vom All aus zu k├Ąmpfen.

Killersatelliten sind dabei nur eine von mehreren M├Âglichkeiten, andere Satelliten zu zerst├Âren. Das, was China bei der Zerst├Ârung von Fengyun-1C eingesetzt hat, war eine Antisatellitenrakete, die von der Erde aus ins All zielgenau auf einen Satelliten geschossen werden. Das kann entweder direkt vom Boden aus passieren, oder aber auch von hoch fliegenden Kampfjets. Erste Tests solcher Raketen gab es in den USA schon seit den 1950er Jahren, im Gegensatz zu China hat man dabei aber nie etwas im Weltall auch tats├Ąchlich zerst├Ârt. Zumindest bis zum 21. Februar 2008. Da wurde der Satellit USA 193, vermutlich ein ehemaliger Spionagesatellit der Vereinigten Staaten durch eine Rakete zerst├Ârt, die von einem amerikanischen Kriegsschiff aus gestartet wurde. Der Satellit enthielt noch circa 500 Kilogram Hydrazin, eine extrem gef├Ąhrliche Chemikalie, die oft als Treibstoff f├╝r die Steuerraketen bei Satelliten eingesetzt wird. Der Satellit selbst wurde 2006 ins All geschossen, funktionierte aber nicht. Seine Bahn konnte nicht kontrolliert werden und 2008 drohte er, auf die Erde zu st├╝rzen. Beziehungsweise in der Atmosph├Ąre zu vergl├╝hen. Weil das Hydrazin mittlerweile gefroren gewesen sein d├╝rfte und der Eisblock den Wiedereintritt in der Atmosph├Ąre ├╝berstehen und am Boden f├╝r Schaden Sorgen k├Ânnte, entschlossen sich die USA, den Satellit lieber abzuschie├čen. Dass die Aktion irgendwas mit der kurz zuvor stattgefundenen Demonstration der chinesischen Antisatellitenwaffe zu tun haben k├Ânnte, haben offizielle Stellen dementiert.

So oder so: China und die USA hatten sich jedenfalls gegenseitig gezeigt, dass sie in der Lage waren, Satelliten von der Erde aus zu zerst├Âren. In der Sowjetunion hat man sich dagegen schon fr├╝h darauf konzentriert, Raumfahrzeuge zu bauen, die andere Raumfahrzeuge angreifen k├Ânnen. In den 1960er baute man Istrebitel Sputnikow, was so viel wie "Satellitenzerst├Ârer" hei├čt, also Satelliten, die im All andere Satelliten zerst├Âren k├Ânnen. Was dabei wirklich getest wurde und wie erfolgreich, ist heute schwer herauszufinden. Die Raumstation Saljut 3, die von Juni 1974 bis Januar 1975 die Erde umkreiste, soll zum Beispiel mit einer Maschinenkanone ausgestattet gewesen sein, die kurz vor dem Wiedereintritt der Raumstation in die Erdatmosph├Ąre auch getest worden sein soll. Aber auch das will offiziell niemand best├Ątigen.

Was wir definitiv wissen: Am 15. November 2021 wurde der Satellit Kosmos-1408 von einer russischen Anti-Satellitenwaffe zerst├Ârt. Der ehemalige Spionagesatellit wurde von einer Rakete zerst├Ârt, die von der Erde aus abgeschossen wurde - womit jetzt alle drei gro├čen Raumfahrtnationen demonstriert hatten, dass sie zu sowas in der Lage sind. Und erwartungsgem├Ą├č haben sich die jeweils anderen L├Ąnder ├╝ber die Zerst├Ârung der Satelliten des dritten Landes aufgeregt. Vor allem wegen des Weltraumm├╝lls: Als China als erstes Land einen eigenen Satelliten abgeschossen hat, beschwerte sich etwa die USA sehr ├╝ber die vielen Tr├╝mmer, die jetzt eine Gefahr f├╝r die Raumfahrt darstellen. Genau so haben sich China und Russland dann ├╝ber den amerikanischen Abschuss beschwert, wegen des Weltraumm├╝lls und so weiter. Das alle nur ├╝ber den Weltraumm├╝ll der anderen meckern, mag l├Ącherlich erscheinen. Die Tatsache selbst ist aber durchaus bedenklich: Ein Bruchst├╝ck des chinesischen Satelliten ist 2013 zum Beispiel tats├Ąchlich mit einem anderen Satelliten kollidiert. Die Tr├╝mmerwolke von der Zerst├Ârung des russischen Satelliten bedrohte sogar die Internationale Raumstation. Die sieben Menschen, die damals gerade an Bord waren, mussten sicherheitshalber in die Raumkapseln ├╝bersiedeln, um im Fall einer katastrophalen Kollision schnell zur Erde fl├╝chten zu k├Ânnen. Passiert ist zum Gl├╝ck nichts, aber die Station musste ein paar Ausweichman├Âver fliegen. Die Tr├╝mmer des russischen und amerikanischen Satelliten sind dann ziemlich bald in der Atmosp├Ąre vergl├╝ht und stellen keine Gefahr mehr dar. Aber die chinesische Tr├╝mmerwolke kann immer noch ├ärger machen.

Geht man nach den diversen Pl├Ąnen und Tests der Milit├Ąrs, k├Ânnte im Weltall noch viel mehr passieren. Man k├Ânnte Satelliten mit gigantischen Lasern abschie├čen, oder ganz gezielt Weltraumschrott in der Bahn eines anderen Satelliten aussetzen. Oder anstatt von der Erde aus den Weltraum anzugreifen, ginge es auch umgekehrt: Man k├Ânnte von Satelliten aus Objekte auf die Erde werfen. Das m├╝ssen dann nicht einmal irgendwelche Bomben sein. Es reicht schon ein sehr kompaktes Objekt, zum Beispiel ein Stab aus Wolfram. Dieses Metall hat einen extrem hohen Schmelzpunkt, w├╝rde den Wiedereintritt durch die Atmosph├Ąre ├╝berstehen und allein die hohe Geschwindigkeit des Einschlags dieser Metallstangen w├╝rde enorme Zerst├Ârung anrichten.

Bis jetzt haben die Nationen im Weltall nur ihre eigenen Satelliten zerst├Ârt. Und wir k├Ânnen hoffen, dass es auch so bleibt. Angesichts der Geschichte der Menschheit ist diese Hoffnung vielleicht naiv. Aber wenn wir nicht wenigstens darauf hoffen, dass wir uns irgendwann ├Ąndern; wenn wir nicht hoffen, dass zumindest der Weltraum von unserer menschlichen Zerst├Ârungswut frei bleibt: Dann haben wir nicht nur keine Chance, sondern es auch nicht anders verdient.