Sternengeschichten   /     Sternengeschichten Folge 594: Der Prachtkomet Donati

Description

Der Komet Donati hat 1858 die ganze Welt begeistert. Die Wissenschaft ebenso wie die Kunst, Literatur und sogar einen asiatischen K├Ânig. Warum der Komet so super war, erfahrt ihr in der neuen Folge der Sternengeschichten: https://astrodicticum-simplex.at/?p=36891 Wer den Podcast finanziell unterst├╝tzen m├Âchte, kann das hier tun: Mit PayPal (https://www.paypal.me/florianfreistetter), Patreon (https://www.patreon.com/sternengeschichten) oder Steady (https://steadyhq.com/sternengeschichten)

Subtitle
Ein Komet begeistert die Welt
Duration
643
Publishing date
2024-04-12 05:00
Link
https://sternengeschichten.podigee.io/594-sternengeschichten-folge-594-der-prachtkomet-donati
Contributors
  Florian Freistetter
author  
Enclosures
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Shownotes

Ein Komet begeistert die Welt

Sternengeschichten Folge 594: Der Prachtkomet Donati

"Im Jahr des Heils und jenes Prachtkometen,

Der uns gereift des Achtundf├╝nzÔÇÖgers Bl├╝te,

Wagt sch├╝chtern nur ein Lied hervorzutreten,

Das nicht vom Hauch des jungen Weines gl├╝hte."

Das schrieb der deutsche Dichter Paul Heyse im Jahr 1858 in seinem Werk "Die Hochzeitsreise an den Walchensee". Es war kein astronomisches Werk; direkt auf diesen Vers folgt eine lange Beschreibung der Vorz├╝ge des Bockbiers und auch ansonsten taucht nirgendwo die Astronomie auf. Immerhin: Heyse bekam 1910 den Nobelpreis f├╝r Literatur, wenn auch vermutlich nicht f├╝r seine Ode an das Bier. Das Bier interessiert uns heute aber ausnahmsweise nicht, sondern nat├╝rlich der "Prachtkomet". Es ist kein Wunder, dass er in diesem Gedicht eine Rolle spielt. Im Jahr 1858 gab es vermutlich nicht viele Menschen, die diesen Himmelsk├Ârper nicht gesehen hatten. Er konnte monatelang mit freiem Auge am Nacht- und manchmal auch am Taghimmel gesehen werden und war teilweise eines der hellsten Objekte am Himmel. Es handelt sich um den Kometen mit der offiziellen Bezeichnung C/1858 L1 (Donati) und den schauen wir uns heute ein wenig genauer an.

Wie bei Kometen ├╝blich, besteht der Name nicht nur aus einer Kombination von Zahlen und Buchstaben, die Aufschluss ├╝ber den Zeitpunkt der Entdeckung und die Form der Umlaufbahn geben, sondern auch den Namen der Person, die ihn entdeckt hat. In diesem Fall war das der italienische Astronom Giambattista Donati. Am 2. Juni 1858 sah er von Florenz aus in seinem Teleskop einen noch unbekannten Kometen. Damals war der Anblick eher unspektakul├Ąr, aber das sollte sich bald ├Ąndern. Schon Ende August 1858 war er ohne optische Hilfsmittel am Nachthimmel zu sehen, und im September war er so hell, dass er kaum noch ├╝bersehen werden konnte. Mittlerweile hatte der Komet auch einen Schweif entwickelt, der immer l├Ąnger wurde. Am 30. September 1858 erreichte der Komet den sonnenn├Ąchsten Punkt seiner Umlaufbahn und nun konnte man auch einen zweiten Schweif sehen.

Wie das mit dem Schweif beziehungsweise den Schweifen eines Kometen funktioniert, habe ich ja fr├╝her schon mal erkl├Ąrt. Nur kurz zur Erinnerung: Ein Komet besteht aus einem Kern, also einer Mischung aus Eis und Gestein. In der N├Ąhe der Sonne kann sich das Eis erw├Ąrmen; das gefrorene Material wird gasf├Ârmig und entkommt ins All. Dabei rei├čt es Staub von der Oberfl├Ąche mit sich und es entwickelt sich eine gro├če H├╝lle um den Kern, die Licht reflektieren kann. Erst dadurch wird der Komet sichtbar, denn die Kerne selbst sind nur ein paar Kilometer gro├č, die k├Ânnte man mit freiem Auge nicht sehen. Die Sonnenstrahlung, die auf die Staubteilchen der H├╝lle trifft kann diese quasi zur Seite schieben. So entsteht der Staubschweif, der meistens eher diffus leuchtet und ein wenig gekr├╝mmt ist. In der N├Ąhe der Sonne sp├╝rt der Komet dann aber auch den Sonnenwind, also die Gas-Teilchen, die die Sonne ins All schleudert. Sie k├Ânnen, in Wechselwirkung mit dem Magnetfeld der Sonne, Teilchen von der Oberfl├Ąche des Kometen losl├Âsen und antreiben, die dann in Form eines langen und schmalen Plasmaschweifs sichtbar werden.

Zur├╝ck zu Donati: Der hatte jetzt Staubschweif und Plasmaschweif und flog am 10. Oktober 1858 in 80 Millionen Kilometer an der Erde vorbei, dem erdn├Ąchsten Punkt seiner Bahn. Ab jetzt war er von der Nordhalbkugel der Erde nicht mehr so gut zu sehen, daf├╝r aber von der s├╝dlichen H├Ąlfte. Er wurde jetzt wieder langsam dunkler, irgendwann war er nur noch im Teleskop zu sehen und das letzte Mal sah man ihn im M├Ąrz 1859 von S├╝dafrika aus.

Kometen sind jetzt an sich nichts besonders. Das Sonnensystem ist voll davon und immer wieder bewegen sich manche von ihnen in die N├Ąhe der Sonne und der Erde, so dass wir sie an unserem Himmel sehen k├Ânnen. Aber die meisten Kometen bleiben selbst dann f├╝r unsere Augen unsichtbar; wir brauchen Teleskope um sie sehen zu k├Ânnen. Dass ein Komet nicht nur ohne Hilfsmittel sichtbar ist, sondern noch dazu so enorm hell wird, mit extrem langen Kometenschweifen: Das kommt nicht ganz so oft vor. Diese Kometen werden "Gro├če Kometen" genannt, was keine offizielle Definition ist, aber eben genau diese extrem spektakul├Ąren Himmelserscheinungen beschreibt, die immer wieder mal sichtbar sind. Pro Jahrhundert sind das vielleicht zehn bis zwanzig St├╝ck; im 20. Jahrhundert war vermutlich der Halleysche Komet der bekannteste unter den damaligen "Gro├čen Kometen".

Donati war auf jeden Fall einer der beeindruckensten Gro├čen Kometen des 19. Jahrhunderts. Er hat nicht nur die Wissenschaft beeindruckt, sondern auch den Rest der Gesellschaft. Aber bleiben wir vorerst noch bei der Wissenschaft. Donati war der erste Komet, der nicht nur beobachtet, sondern auch fotografiert worden ist. Die Fotografie existierte damals ja erst ein paar Jahrzehnte und das ganze Konzept steckte noch in den Kinderschuhen. Es ist nicht ganz klar, von welcher Person das erste Foto stammt. Der englische Maler und Fotograf William Usherwood hat ein Bild von Donati gemacht, das leider nicht mehr existiert und von dem er selbst nicht sicher war, an welchen Tag es fotografiert worden ist. Sp├Ąter hat Usherwood den 27. September 1858 angegeben, was einen Tag fr├╝her w├Ąre, als der Tag, an dem der amerikanische Astronom William Bond den Kometen ebenfalls fotografiert hat.

Abgesehen davon musste die Wissenschaft ihre Beobachtungen aber vorerst durch Zeichnungen festhalten und wenn man sich diese Bilder ansieht, erkennt man erstaunlich komplexe Strukturen. Und tats├Ąchlich d├╝rfte Donati auch in dieser Hinsicht ein spezieller Komet gewesen sein. Seine gro├če Helligkeit und seine ausgepr├Ągten Schweife machten sehr detaillierte Beobachtungen mit dem Teleskop m├Âglich. Der deutsche Astronom Wilhelm Foerster fand in der Koma, also der Staubh├╝lle um den Kometenkern, seltsame B├╝schel, die in Richtung Sonne zeigten; andere sahen eine h├╝llenartige Struktur um den Kern. Heute geht man davon aus, dass durch irgendeinen Vorgang die Oberfl├Ąche des Kometen an einer oder mehrerer Stellen in Mitleidenschaft gezogen wurde. Das darunter liegenden gefrorene Material konnte dann durch die Sonne erw├Ąrmt werden und gaste an diesen Stellen aus. Die Rotation des Kometenkerns um seine Achse verwirbelte das dann und erzeugte so die komplexe Struktur; ein bisschen so wie einer dieser Sprinkler, die man im Garten f├╝r die Bew├Ąsserung verwendet.

Neben der Wissenschaft war aber auch der Rest der Welt beeindruckt. Abraham Lincoln, damals noch nicht US-Pr├Ąsident aber schon ein wichtiger Politiker, schrieb in seinem Tagebuch davon, wie er Donati beobachtet hat, ebenso wie zum Beispiel die Autoren Charles Dickens oder Jules Verne oder der Biologe Alfred Russell Wallace, der den Kometen bei einer seiner Expeditionen sah. Der Komet war regelm├Ą├čiges Thema in den Zeitungen und Zeitschriften, so sehr, dass es manchen fast zu viel wurde. Der damalige Direktor der Pariser Sternwarte, Urbain Le-Verrier, bekannt durch seine Entdeckung des Planeten Neptun, schrieb zum Beispiel: "Seit der Komet mit freiem Auge sichtbar ist hat sich ein Haufen Journalisten-Astronomen hier in Paris versammelt, die die abstrusesten Beobachtungen und au├čergew├Âhnlichsten Theorien publizieren. Wir sehen uns gezwungen, eine zur├╝ckhaltende Einstellung einzunehmen, die der ernsthaften Wissenschaft entspricht".

Neben dem zu Beginn erw├Ąhnten Paul Heyse haben sich nat├╝rlich auch andere Menschen literarisch mit dem Kometen auseinandergesetzt und nat├╝rlich auch in der Kunst. Es gibt ein Bild des ber├╝hmten englischen Malers William Turner, das den Kometen ├╝ber Oxford zeigt. Noch ber├╝hmter ist das Gem├Ąlde mit dem Titel "Pegwell Bay, Kent ÔÇô a Recollection of October 5th 1858" auf dem der schottische Maler William Dyce seine Familie beim Muschelsammeln an einem englischen Strand zeigt und am Taghimmel steht, sehr unscheinbar aber dennoch ├╝berraschend eindringlich, der Komet Donati.

In Siam, das wir heute Thailand nennen, war der Komet sogar von h├Âchstem politischen Interesse. Seit 1851 war dort K├Ânig Rama IV, beziehungsweise K├Ânig Mongkut im Amt. Er war ein gro├čer Fan der Wissenschaft und insbesondere der Astronomie. Er stellte selbst Beobachtungen an, lie├č Sternwarten und wissenschaftliche Einrichtungen bauen und hat sich generell so intensiv mit der Astronomie besch├Ąftigt, dass er eigentlich eine eigene Folge der Sternengeschichten wert w├Ąre. Was er auf jeden Fall auch getan hat, war sein Volk in seinen k├Âniglichen Proklamationen immer wieder auch ├╝ber wissenschaftliche Neuigkeiten zu informieren. So auch in diesem Fall, wo er explizit darauf hingewiesen hat, dass man sich vor dem Kometen nicht sorgen muss. "Ein Komet ist ein Himmelsk├Ârper, der sich in einigen Jahren wieder von der Erde entfernen wird. Deswegen sollten die Menschen in Siam nicht in Panik verfallen und sich sorgen, denn der Komet ist nicht nur in dieser und nahegelegenen St├Ądten sichtbar, sondern von ├╝berall auf der Erde zu sehen", hei├čt es da zum Beispiel.

Entfernt hat sich der Komet Donati mittlerweile ordentlich und er wird das auch noch eine Zeit lang tun. Seine Bahn ist so langgestreckt, dass er ihren sonnenfernsten Punkt erst im Jahr 2718 erreichen wird. Dann wird er ungef├Ąhr 287 mal weiter von der Sonne entfernt sein als die Erde. Und wenn er dann endlich den R├╝ckweg ins innere Sonnensystem antritt, wird er noch viele weitere Jahrhunderte unterwegs sein. Mit einer R├╝ckkehrt an unseren Nachthimmel ist erst gegen das Jahr 3577 zu rechnen. Aber bis dahin wird ja noch hoffentlich der eine oder andere "Gro├če Komet" bei uns zu sehen sein.