Sternengeschichten   /     Sternengeschichten Folge 605: Astronomie im Loch - Beobachtungen am Taghimmel

Description

Wer aus einem tiefen Loch oder Schacht hinaus zum Himmel blickt, kann auch am Tag die Sterne sehen. Wird zumindest oft behaupte. Ob es auch stimmt, erfahrt ihr in der neuen Folge der Sternengeschichten. Wer den Podcast finanziell unterst├╝tzen m├Âchte, kann das hier tun: Mit PayPal (https://www.paypal.me/florianfreistetter), Patreon (https://www.patreon.com/sternengeschichten) oder Steady (https://steadyhq.com/sternengeschichten)

Subtitle
Wer hoch schauen will, muss tief graben
Duration
604
Publishing date
2024-06-28 05:00
Link
https://sternengeschichten.podigee.io/605-sternengeschichten-folge-605-astronomie-im-loch-beobachtungen-am-taghimmel
Contributors
  Florian Freistetter
author  
Enclosures
https://audio.podigee-cdn.net/1493257-m-021731d536548f7e6d2c8566daa28e67.mp3?source=feed
audio/mpeg

Shownotes

Wer hoch schauen will, muss tief graben

Sternengeschichten Folge 605: Astronomie im Loch - Beobachtungen am Taghimmel

Astronomie findet in der Nacht statt. Immerhin geht es dabei ja um die Beobachtung von Sternen und die sieht man nicht am Tag. Das ist prinzipiell zwar richtig. Aber auch ein klein wenig falsch. Denn nat├╝rlich ist auch die Sonne ein Stern, der von der Astronomie erforscht wird und die Sonne sieht man per Definition nicht in der Nacht sondern nur am Tag. Es gibt auch jede Menge Weltraumteleskope, f├╝r die Tag und Nacht nicht existieren. Oder Disziplinen wie die Radioastronomie, die Beobachtungen auch problemlos tags├╝ber aus├╝ben kann. Und nat├╝rlich sind Astronominnen und Astronomen zwar ├Âfter mal in der Nacht unterwegs und m├╝ssen Teleskope bedienen, verbringen den Rest der Zeit aber ganz normal in ihren B├╝ros und arbeiten zu halbwegs normalen Arbeitszeiten. Trotzdem m├Âchte ich heute ├╝ber die Frage sprechen, was f├╝r Astronomie man am Taghimmel durchf├╝hren kann und zwar abseits von Radioastronomie oder der Sonnenbeobachtung. Kann man nicht vielleicht doch irgendwie die Sterne auch beobachten, wenn es nicht dunkel ist? Das w├Ąre zumindest f├╝r alle die recht praktisch, die ungern die ganze Nacht wachbleiben wollen um astronomische Daten zu sammeln.

Wenn es um die Planeten geht, dann kann man da durchaus auch am Tag erfolgreich sein. Die Venus ist nach Sonne und Mond das hellste Objekt am Himmel und wenn man wei├č, wo sie sich befindet, kann man sie auch am Tag erkennen. Zumindest dann, wenn sie nicht gerade zu sehr in der N├Ąhe der Sonne steht. Mit einem Fernglas oder gar Teleskop lassen sich auch Mars, Jupiter und Saturn erkennen und tats├Ąchlich auch ein paar der sehr hellen Sterne. Wer jetzt aber untertags auf die Suche nach Himmelsk├Ârpern gehen will, sollte allerdings sehr vorsichtig sein und Fernglas oder Teleskop nicht wild ├╝ber den Himmel schwenken. Ein unabsichtlicher Blick auf die Sonne durch ein solches optisches Instrument kann schwere Augensch├Ąden verursachen. Aus wissenschaftlicher Sicht kommt man aber bei der Beobachtung am Tag auf diese Weise nicht sehr weit. Aber vielleicht geht es ja anders?

Man h├Ârt immer wieder die Geschichte, dass man die Sterne sehr gut auch untertags sehen kann und zwar, wenn man sich am Grund eines tiefen Brunnes befindet. Oder durch einen hohen Schornstein oder Kamin zum Himmel blickt. Das hat schon Aristoteles behauptet, als er erkl├Ąrt hat, warum manche Tiere gut sehen und andere schlecht. Und wenn Aristoteles was behauptet, dann muss das ja stimmen. Das war zumindest lange Zeit die Meinung der gelehrten Menschen in der Antike, dem Mittelalter und der fr├╝hen Neuzeit. Und ├╝ber die Jahrhunderte kann man immer wieder Berichte finden, die Aristoteles Behauptung best├Ątigen. Mal haben Leute das Licht der Sterne im Wasser eines tiefen Brunnes reflektiert gesehen; mal waren es Bergleute, die beim Blick aus Minensch├Ąchten hinaus die Sterne auch am Taghimmel gesehen haben wollen. Autoren wie Rudyard Kipling oder Charles Dickens haben dieses Ph├Ąnomen in ihren B├╝chern verarbeitet. Und selbst der Astronomie-Professor an der Uni Cambridge, Robert Ball, hat noch 1908 geschrieben, dass man Sterne auch am Tag sehen kann, wenn man sie nur durch einen hohen Kamin beobachtet. Denn der lange Schacht w├╝rde das direkte Licht der Sonne abschirmen und das Auge w├╝rde dadurch viel sensitiver und k├Ânne so das schwache Sternenlicht wahrnehmen.

Also: Warum stellt man nicht einfach ein paar Teleskope in tiefe L├Âcher? Dann kann man auch tags├╝ber Astronomie betreiben und spart sich das lange Wachbleiben in der Nacht und die M├╝digkeit am Tag? Tats├Ąchlich gibt es Teleskope in L├Âchern. An der K├Âniglichen Sternwarte in Greenwich wurde so etwas im 17. Jahrhundert gebaut aber auch sp├Ąter, zum Beispiel an der Sternwarte in Jena. Mit ihnen wurde aber in der Nacht gearbeitet und es gab spezielle Gr├╝nde, warum man sie in L├Âchern untergebracht hat. In Greenwich hat man versucht, die Position des Stern Gamma Draconis zu messen. Es ging damals darum, herauszufinden, wie weit die Sterne entfernt sind. Dazu muss man die scheinbare Position eines Sterns zu unterschiedlichen Zeiten im Jahr messen - ich hab das in Folge 19 ausf├╝hrlich erkl├Ąrt. Im 17. Jahrhundert war es noch nicht so einfach, gro├če Teleskope zu bauen, also hat man sich gedacht, man nimmt einfach einen Brunnenschacht, baut am oberen Ende eine Linse ein und schaut dann vom Grund des Brunnes mit einem Okular darauf. Oder anders gesagt: Man den gesamten Brunnen zu einer Art Teleskop umgebaut, das sich zwar nicht bewegen l├Ąsst, aber Sterne sehen kann, die sich genau dar├╝ber hinwegbewegen. Gute Idee, aber die Sache war enorm unangenehm. Immer muss man in einem tiefen, feuchten Loch am R├╝cken liegen um die Beobachtungen anzustellen und das auch noch Nachts. Auch in Jena wollte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr genau Positionsmessungen an Sternen anstellen. Das Ziel war es, die Schwankung der Erdachse zu bestimmen und damit das mit der n├Âtigen Genauigkeit klappt, darf das Teleskop selbst nat├╝rlich absolut gar nicht wackeln. Man kann es nicht einfach so hinstellen; da w├╝rde schon die Ersch├╝tterungen ausreichen, die auftreten, wenn Autos oder damals auch noch Kutschen vorbeifahren. Aber nur ein paar Meter unter der Erdoberfl├Ąche war eine hunderte Quadratkilometer gro├če und ein paar hundert Meter dicke Gesteinsschicht, die sogenannte Saale-Ilm-Platte, die sich unter halb Th├╝ringen erstreckt. Ein noch stabileres Fundament kann man sich kaum w├╝nschen, also hat man ein 10 Meter tiefes Loch gegraben, bis zu dieser Schicht und dort die Teleskope aufgestellt. Aber weder in Jena noch in Greenwich hat dann auch mehr als ein paar Beobachtungen angestellt. Es war einfach zu aufwendig und unangenehm, die ganze Nacht ├╝ber in einem kalten, feuchten Loch zu sitzen.

Aber wie ist das jetzt mit der Beobachtung am Tag? Wieso hat das niemand ausprobiert? Weil es - Spoiler! - nicht funktioniert! Denn nat├╝rlich hat man das ausprobiert. Der gro├če Naturforscher Alexander von Humboldt, der sich beruflich auch viel in Bergwerken rumgetrieben hat, hat das getestet und festgestellt: Man sieht nichts. Sp├Ąter haben dann diverse Leute noch ausf├╝hrlichere Tests und Messungen angestellt, mit dem Ergebnis, das man mit freiem Auge untertags keine Sterne sehen kann, auch wenn man in einem tiefen Loch sitzt. Diejenigen, die meinen, in einem Kamin oder Schacht dennoch Sterne gesehen zu haben, haben wahrscheinlich irgendwelche Bl├Ątter, Staubteilchen oder anderes Zeug gesehen, das durch die Zugluft nach oben gewirbelt und dann von der Sonne angeleuchtet worden ist. Aber Sterne sind nicht zu sehen, ausgenommen vielleicht Sirius, dem hellsten Stern. Oder, wie es der Astronom David Hughes 1983 in einer sehr ausf├╝hrlichen wissenschaftlichen Analyse des Ph├Ąnomens gesagt hat: "Durch einen Kamin zu schauen ist das letzte, was man tun sollte, wenn man Sterne sehen will."

Gut, halten wir fest. Am Tag sieht man auf jeden Fall einen Stern, n├Ąmlich die Sonne. Man kann die Venus sehen und nat├╝rlich auch den Mond. Und es bringt nichts, sich in irgendwelche L├Âcher zu setzen. Da ist es kalt, unangenehm und man schr├Ąnkt auch das Sichtfeld extrem stark ein. Das hei├čt aber nicht, dass man nicht doch sinnvolle Sternbeobachtung auch untertags erledigen kann. Aber eben nur in sehr speziellen F├Ąllen. Ein so ein Spezialfall ist der Stern Beteigeuze. Von dem habe ich schon in Folge 204 erz├Ąhlt; es ist ein heller Stern und ein prominenter Stern im Sternbild Orion. Vor allem aber ist es ein interessanter Stern, denn er befindet sich schon am Ende seines Lebens und k├Ânnte bald zu einer Supernova werden. Ok, das kann noch ein paar Jahrhunderte oder Jahrtausende dauern, aber auch jetzt passiert dort schon jede Menge spannendes Zeug aus dem wir lernen k├Ânnen, wie sich solche Sterne gegen Ende ihres Lebens verhalten. Dazu m├╝ssen wir aber auch so viele Beobachtungen wie m├Âglich machen um nichts zu verpassen. Bei Beteigeuze geht das aber nicht. Denn der Stern ist nicht nur am Tag nicht zu sehen, er ist auch vier Monate in jedem Jahr in der Nacht nicht zu beobachten. Denn in diesem Zeitraum sehen wir ihn von der Erde aus zu nahe an der Sonne und die ist in der Nacht unterm Horizont. Um diese L├╝cke in den Beobachtungsdaten zu schlie├čen, m├╝ssten wir ihn tags├╝ber sehen k├Ânnen. Und das geht, mit der richtigen Technik! Die australische Astronomin Sarah Caddy und ihr Team haben 10 sehr gro├če aber handels├╝bliche Fotoobjektive zusammengebastelt. Ok, es war ein bisschen mehr als basteln; es war schon eine sehr komplexe Ingenieursleistung. Aber mit dem daraus entstandenen "Huntsman Telescope" l├Ąsst sich ein heller und vergleichsweise gro├č erscheinender Stern wie Beteigeuze auch am Tag in einer Genauigkeit beobachten, die wissenschaftlichen Anspr├╝chen gen├╝gt.

Die Astronomie wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch in Zukunft etwas bleiben, was in der Nacht stattfindet. Aber mit ausreichend guter und kreativer Technik wird man zumindest einen Teil der Arbeit auch am Taghimmel durchf├╝hren k├Ânnen. Und man wird daf├╝r nicht in kalten, feuchten L├Âchern sitzen m├╝ssen.