Sternengeschichten   /     Sternengeschichten Folge 606: Der Meteorit von Orgeuil und das au├čerirdische Leben

Description

1864 ist in Frankreich ein Meteorit auf die Erde gefallen. Es war ein au├čergew├Âhnliches Exemplar und man hat darin Spuren von au├čerirdischem Leben gefunden. Dachte man zumindest - was man wirklich entdeckt hat, erfahrt ihr in der neuen Folge der Sternengeschichten. Wer den Podcast finanziell unterst├╝tzen m├Âchte, kann das hier tun: Mit PayPal (https://www.paypal.me/florianfreistetter), Patreon (https://www.patreon.com/sternengeschichten) oder Steady (https://steadyhq.com/sternengeschichten)

Subtitle
Aliens auf Besuch in Frankreich?
Duration
737
Publishing date
2024-07-05 05:00
Link
https://sternengeschichten.podigee.io/606-sternengeschichten-folge-606-der-meteorit-von-orgeuil-und-das-ausserirdische-leben
Contributors
  Florian Freistetter
author  
Enclosures
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Shownotes

Aliens auf Besuch in Frankreich?

Sternengeschichten Folge 606: Der Meteorit von Orgeuil und das au├čerirdische Leben

Am Abend des 14. Mai 1864 war wenig los in dem kleinen franz├Âsischen Ort Orgueil. Was soll auch gro├č los sein, in einem Ort mit ein paar hundert Einwohnern, mitten am Land im S├╝dwesten von Frankreich. Aber dann war auf einmal sehr viel los. Am Himmel tauchte eine leuchtende Spur auf, zuerst gr├╝nlich leuchtend, dann immer r├Âtlicher. Das Licht wurde heller, bis es so gro├č wie der Vollmond war und dann war eine gewaltige Explosion zu h├Âren. Aus dem Licht wurden eine gro├če, wei├če Wolke, die minutenlang am Himmel stand und Steine fielen vom Himmel. Es waren schwarze Steine und irgendwie komisch.

Im 19. Jahrhundert war die Wissenschaft zwar noch nicht so weit wie heute, aber auch damals war klar, was da in Orgeuil passiert ist: Ein St├╝ck Gestein aus dem Weltall ist auf die Erde gefallen. In den Jahren und Jahrzehnten davor hat sich die Erforschung solcher Meteoriten gerade als eigene Wissenschaft entwickelt. Fr├╝her gab es ja jede Menge Diskussionen dar├╝ber, wo solche Steine herkommen; ob sie von Vulkanen in die Luft geschleudert werden; ob es Material ist, das sich irgendwie in der Luft aus der Luft selbst bildet, und so weiter. Aber 1864 hatte man akzeptiert, dass es tats├Ąchlich Objekte aus dem Weltall sind, da da regelm├Ą├čig auf die Erde fallen. Und deswegen konnte man den frischen Meteorit von Orgeuil jetzt auch gleich entsprechend untersuchen.

Die Forschung an diesem - ehemaligen - Himmelsk├Ârper dauert bis heute an und er hat sich als einer der spannendsten Meteorite herausgestellt, die wir bisher gefunden haben. Er hat unseren Blick auf die Entstehung des Lebens ver├Ąndert und auf die Geschichte unseres Sonnensystems. Aber bleiben wir vorerst noch im 19. Jahrhundert. Der erste, der die Meteoriten wissenschaftlich untersucht hat, war Gabriel Auguste Daubr├ęe, Professor f├╝r Geologie in Paris. Nur ein paar Wochen nach dem Fall selbst konnte er seine Ergebnisse pr├Ąsentieren. Die Steine waren schwarz, wie Kohle. Darin fanden sich mineralische Einschl├╝sse und insgesamt betrachtet, sah der Meteorit ganz anders aus als die Steine aus dem All, die man davor untersucht hatte. Vor allem enthielt er sehr viel mehr Kohlenstoff, der auch f├╝r die schwarze Farbe verantwortlich war. Au├čerdem war der Meteorit sehr por├Âs, sobald er in Kontakt mit Wasser kam, l├Âste er sich quasi in dunklen Staub auf, wie es Daubr├ęe beschrieben hat.

Der franz├Âsische Chemiker Fran├žois Stanislas Clo├źz untersuchte den Meteoriten ebenfalls und f├╝hrte die erste chemische Analyse durch. Er bestimmte die Dichte des Steins zu 2,6 Gramm pro Kubikzentimeter und einen Kohlenstoffgehalt von fast 6 Prozent. Der Anteil an Wasser, das im Gestein gebunden war, betrug knapp 9 Prozent. Clo├źz extrahierte einen Teil des kohlenstoffhaltigen Materials aus dem Meteoriten und schrieb, dass es irgendwie wie Hummus aussah, erdig, ein bisschen wie Torf oder Schieferkohle. Clo├źz, Daubr├ęe und andere forschten weiter und 3 Jahre sp├Ąter schrieb Daubr├ęe die erste gro├če Zusammenfassung des Wissensstands. Darin hielt er fest, dass nichts darauf hindeutet, dass das Material vulkanischen Ursprungs sei, und deswegen nicht vom Mond stammen k├Ânne. Dass es auf dem Mond Vulkane gibt, die Meteoriten zur Erde schleudern, ist zwar aus heutiger Sicht Unsinn, war damals aber eine verbreitete Hypothese. Daubr├ęe wies au├čerdem noch einmal auf die gro├če Menge an Kohlenstoffverbindungen im Meteoriten hin. Er schrieb, dass es so aussehen w├╝rde, als w├Ąren die Mineralien im Meteorite im Laufe irgendeiner Art von geologischer Evolution aus einer "einfacheren, primitiven Materie" entstanden und er war fasziniert von der Menge an kohlenstoffhaltigen Kombinationen die von einem Himmelsk├Ârper stammen, die bisher nicht mit irgendeiner Art von Leben in Verbindung gebracht worden sind.

Das hat sich dann aber schnell ge├Ąndert, denn kurz danach schrieb der damals sehr popul├Ąre Astronom Camille Flammarion in einem seiner B├╝cher, dass der Meteorit zeigen w├╝rde, dass auf dem Himmelsk├Ârper von dem er stammt, irgendeine Art von Leben existieren muss. Belege daf├╝r hat er aber nicht geliefert und das war auch nicht m├Âglich, denn in keiner der damaligen wissenschaftlichen Arbeiten war behauptet worden, dass der Orgueil-Meteorit Spuren von Leben in sich tr├Ągt.

Damit war die Erforschung des Meteoriten erst mal vorbei und St├╝cke wurden seitdem in diversen Museen der Welt aufbewahrt. Das gr├Â├čte davon in Paris, mit einem Gewicht von fast 9 Kilogramm. Aber auch in Prag, Edinburgh, Washington, Berlin, Wien, Moskau, New York und diversen anderen Forschungseinrichtungen hatte man zumindest kleine Brocken des Orgueil-Meteoriten. Spannend wurde die Angelegenheit dann wieder 1961. Die amerikanischen Chemiker Bartholomew Nagy, Georg Claus und Douglas Hennessy ver├Âffentlichten eine neue, mikroskopische Analyse eines Meteoriten-St├╝ckes und erkl├Ąrten, darin "organisierte Elemente" entdeckt zu haben. Damit sind keine chemischen Elemente gemeint, die eine Gewerkschaft gegr├╝ndet haben - die drei Forscher haben den Begriff wohl benutzt, um nicht gleich "au├čerirdisches Leben" sagen zu m├╝ssen. Denn das haben sie eigentlich gemeint. Eingeschlossen in die diversen Mineralien fanden sie Objekte, die wie fossile Algen ausehen w├╝rden. Oder wie Mikroorganismen. Das w├Ąre nat├╝rlich eine dramatische Entdeckung gewesen. Es wurde dar├╝ber spekuliert, ob der Meteorit von einem Himmelsk├Ârper stammt, auf dem es Leben gibt; es wurde ├╝ber den Ursprung des Lebens auf der Erde diskutiert und die Frage, ob vielleicht au├čerirdische Mikroorganismen wie die, die man im Orgueil-Meteorite entdeckt hat, daf├╝r verantwortlich sind. Andere Forscherinnen und Forscher haben nat├╝rlich probiert, die Entdeckung zu pr├╝fen und zu best├Ątigen. Harold Urey, der Physik-Nobelpreistr├Ąger und zweite Namensgeber des Miller-Urey-Experiments, das besser unter dem Begriff "Ursuppe" bekannt ist, und bei Urey und sein Kollege Stanley Miller gezeigt haben, dass aus der Ur-Atmosph├Ąre der Erde durch die Energie von Blitzen komplexe organische Molek├╝le entstehen k├Ânnen, die der Ursprung des Lebens sind - dieser Harold Urey war zum Beispiel der Meinung, dass der Meteorit vom Mond kommen w├╝rde und der Mond vor langer Zeit mit fr├╝hem Leben der Erde quasi verseucht wurde. Andere kamen zu anderen Ergebnissen - und zu Ergebnissen, die nicht ganz so spektakul├Ąr waren. Die "organisierten Elemente" wurden in Sulfat-Einschl├╝ssen entdeckt. Die aber, wie man dann herausgefunden hat, gar keinen au├čerirdischen Ursprung gehabt haben. Man konnte zeigen, dass die Sulfate im Laufe der Zeit Wasser aus der Luft aufgenommen haben. Dadurch sind Risse entstanden und durch sie k├Ânnen irdische Verunreinigungen in den Meteorit eingedrungen sind. Eine genaue Untersuchung der urspr├╝nglichen Beobachtungsdaten hat auch gezeigt, dass die ersten Beschreibungen des Meteorits nichts von Sulfat-Einschl├╝ssen sagen; sie m├╝ssen also tats├Ąchlich erst nachtr├Ąglich auf der Erde entstanden sein. Und dann ist es auch keine ├ťberraschung, wenn man darin Spuren von irdischen Mikroorganismen findet.

Ber├╝hmt geworden ist auch ein Fund, der im Zuge dieser ganze Forschung gemacht wurde: In einem Bruchst├╝ck, dass im Museum von Montauban aufbewahrt wurde, in einer Kleinstadt gleich neben Orgueil fand man Pollen und eine Samenkapsel. Aber, und das entdeckte man ebenso schnell: Da war Klebstoff im Spiel. Wer da probiert hat, Lebensspuren im Meteorit vorzut├Ąuschen, ist unbekannt, das St├╝ck in Montauban war seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr anger├╝hrt worden, aber irgendwer muss damals diese F├Ąlschung gemacht haben. Vielleicht, so die Vermutung, um ein Argument bei der damaligen Diskussion um die spontane Entstehung des Lebens zu haben, also die Hypothese, das Leben quasi aus dem Nichts aus nichtlebendiger Materie entstehen kann. Am Ende jedenfalls war man sich einig: Der Orgueil-Meteorit enth├Ąlt keine Spuren au├čerirdischen Lebens. Nur Harold Urey war immer noch ├╝berzeugt, das das Ding vom Mond stammt - weswegen die NASA bei ihren Apollo-Missionen dann auch tats├Ąchlich eine Quarant├Ąne f├╝r ihre vom Mond zur├╝ckkehrenden Astronauten angeordnet hat.

Heute wissen wir, dass der Orgueil-Meteorit zur seltenen Klasse der C1-Chondrite geh├Ârt, die manchmal auch CI-Chondrite genannt werden. So oder so: Wir haben nur ganz wenig davon, nur eine Handvoll und das liegt daran, dass sie so extrem por├Âs sind. Sie werden normalerweise entweder beim Flug durch die Erdatmosph├Ąre zerst├Ârt oder sp├Ąter auf der Erde. Sie haben einen hohen Kohlenstoffgehalt und enthalten viel Wasser. Die chemische Zusammensetzung dieser Meteorite ist fast so wie die Zusammensetzung der Wolke, aus der die Sonne und die Planeten vor 4,5 Milliarden Jahren entstanden sind. Es handelt sich also um sehr urspr├╝ngliches Material und der hohe Wassergehalt zeigt, dass sich die Objekte weit von der Sonne entfernt gebildet haben, irgendwo in der Gegend, wo sich heute Jupiter und Saturn rumtreiben. Nur dort war es k├╝hl genug, damit sich Eis bilden konnte. Wir wissen - aus einer Untersuchung der urspr├╝nglichen Beobachtungen des Falls - auch, dass der Orgueil-Meteorit vermutlich aus der Jupiter-Familie stammt, eine Gruppe von ein paar hundert Kometen, die sich auf Umlaufbahnen in der N├Ąhe der Jupiterbahn bewegen. Und 2010 hat man dann in Material des Orgueil-Meteoriten auch Partikel entdeckt, die ├Ąlter als unser ganzes Sonnensystem sind. Winzigste Teilchen, in denen jede Menge des chemischen Elements Chrom-54 enthalten war. In solchen Mengen ist das normalerweise nicht im Sonnensystem zu finden, aber es wird bei den nuklearen Reaktionen in Supernova-Explosionen produziert. Oder anders gesagt: Als das Sonnensystem noch kein Sonnensystem sondern eine gro├če Wolke aus Gas und Staub war, ist irgendwo in der N├Ąhe ein gro├čer Stern explodiert und hat unter anderem Chrom-54 in die Wolke geschleudert. Und im Orgueil-Meteorit ist ein bisschen davon bis heute ├╝brig geblieben. Vielleicht war es sogar die Supernova, die die Wolke erst zum Kollabieren gebracht und damit die Entstehung des Sonnensystems ausgel├Âst hat?

Der Orgueil-Meteorit ist ein ganz besonderes St├╝ck Gestein. Er ist gerade zum richtigen Zeitpunkt vom Himmel gefallen, als wir in der Lage waren, ihn auch wissenschaftlich zu untersuchen. Er hat uns auf einige falsche F├Ąhrten geschickt, aber auch jede Menge Hinweise auf echte Antworten gegeben. Und die Forschung daran ist noch lange nicht abgeschlossen.